Physio-Konzept für Golfer zur Leistungssteigerung

Golf und Gesundheit

Glaubt man den Versprechungen vieler Schlägerhersteller über die letzten Jahre, müssten selbst Par 5-Bahnen mittlerweile für viele Golfer vom Tee erreichbar sein. Doch wie der golfmanager bereits in Ausgabe 6/15 in einem empirischen Test zeigte, ist der Längengewinn deutlich kleiner als in der Werbung postuliert, dafür ist die Fehlerverzeihung modernen Equipments höher. Vor allem im Leistungssport – auch im Golf – wird zunehmend Wert auf Athletik gelegt, man schaue sich beispielsweise nur einmal die körperliche Entwicklung eines Rory McIlroy in den letzten Jahren an. Doch nicht jeder Amateurgolfer hat die Zeit oder auch das Interesse, sich für sein Hobby mehrmals pro Woche im Fitness-Studio zu quälen. Dennoch, das alte Sprichwort „It‘s the Indian, not the arrow“ gilt auch im Golf – und viele Golfer weltweit träumen insgeheim von einer besseren Drehung und mehr Schlagweite. Star-Coach Mike Adams weist in seinen Seminaren zum Thema Bioswing Dynamics stets darauf hin, dass Schlagweite (neben anderen Faktoren) vor allem von der Schlägerkopfgeschwindigkeit abhänge. Und der einzige Weg zu mehr Schlägerkopfgeschwindigkeit bestehe nun einmal darin, mehr Speed auf den Schläger im Schwung zu bringen (siehe golfmanager 5/17).

Genau hier wird es für viele Hobbygolfer schwierig: Die Mehrzahl der Golfer in Deutschland zählt zur Altersgruppe 55plus, übt meist sitzende Tätigkeiten aus und stellt auf dem Golfplatz häufig fest, dass die eigene Beweglichkeit im Laufe der letzten Jahre mehr oder weniger stark gelitten hat. Wer sich jedoch besser und weiter im Aufschwung drehen kann, baut mehr Energie auf, die man dann per Schläger auf den Ball übertragen kann. Jim McLean, Golflehrer aus den USA, beschrieb dies einmal als X-Faktor. Gerade bei Rory McIlroy, Mitte September 2018 mit durchschnittlich 320 Yards Drivelänge Führender der US PGA-Tour in dieser Disziplin, haben Experten diesen X-Faktor als Schlüssel zum Erfolg ausgemacht.

 

Faszien-Behandlung zur Schmerztherapie, aber auch ­Leistungssteigerung

Doch können nicht nur austrainierte Profis und Leistungssportler, sondern auch Best Ager unter den Amateuren dieses Potenzial abrufen? Ein Gedanke, mit dem sich der erfahrene Physiotherapeut Axel-André Richter aus Mönchengladbach schon seit längerem befasst. Dabei ging es Richter zunächst gar nicht um Golf. Schon seit vielen Jahren hatte er sich mit der Schmerztherapie beschäftigt, insbesondere mit LNB (Schmerztherapie nach Liebscher-Bracht). Im Laufe der Jahre gingen im wahrsten Sinne des Worts zahlreiche Profis deutscher Bundesliga-Vereine und der Fußball-Nationalmannschaft durch seine Hände, meist im Rahmen der Nachbehandlung von Verletzungen. Bei der Zusammenarbeit mit einem Triathleten merkte Richter dann schnell, dass sich die Grundlagen von LNB nicht nur zur Therapie im Anschluss an eine Verletzung eignen, sondern auch zur gezielten Leistungssteigerung genutzt werden können. Das Zauberwort hierzu heißt „Faszien“.

 

Lange Zeit wurden Faszien eher geringschätzig als Bindegewebe bezeichnet, man nahm sie als eher unwichtiges Körpermaterial hin. Doch diese Einstellung hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Gerade bei der Schmerztherapie hat man festgestellt, dass häufig nicht das Knochenskelett, sondern die Faszien Schmerzauslöser sind – allen voran bei der Volkskrankheit Rückenschmerzen. Faszien umfassen nach vereinfachter Definition des Sportbunds Nordrhein-Westfalen alle Bindegewebsstrukturen des menschlichen Organismus, dazu zählen auch Sehnen, Muskelhüllen oder Gelenkkapseln. Auch beim Sport erhalten Faszien immer mehr Aufmerksamkeit – vor allem die Fitnessindustrie hat mit dem Thema Faszien samt Zubehör wie Faszienrollen einen komplett neuen Sektor entwickelt. Richter entdeckte schnell, dass Faszien beim Sport jedoch nicht nur Auslöser von Schmerzen sein können, sondern auch starken Einfluss auf die Beweglichkeit und damit letztlich die sportliche Leistungsfähigkeit haben. Beim Golfen wird dies vor allem in der Ausholbewegung (Rückschwung) eines Schlages deutlich: Denn wer seinen Körper im Aufschwung nicht ausreichend drehen kann, baut deutlich weniger Energie auf als ein Golfer mit großer Beweglichkeit. Damit keine Missverständnisse entstehen: Es geht hier nicht um das Erreichen eines Überschwingens des Schlägerkopfes à la John Daly, sondern um die Körperrotation in Schulter und Hüfte. Wer hier auf einen besseren X-Faktor kommt, kann mehr Energie über den Schläger auf den Ball übertragen und somit größere Weiten erzielen. Doch nicht nur das: Golflehrer haben festgestellt, dass eine bessere Drehung auch einen technisch saubereren Schwung fördert, da man häufiger von innen statt von außen an den Ball komme.

 

EvoSwing: Biotuning, Fitness und Health

Richter, inzwischen längst selbst vom Golfvirus infiziert, setzte sich 2015 mit einem befreundeten Golf-Pro zusammen und entwickelte ein Konzept zur Leistungssteigerung von Golfern: EvoSwing. Ziel war es, Golfern aller Spielstärken, aber insbesondere auch Hobbygolfern zu mehr Beweglichkeit und damit besserem Golf zu verhelfen. EvoSwing ist keine Alternative zur klassischen Pro-Stunde und regelmäßigem Training, sondern eine Ergänzung durch gezielte physiotherapeutische Maßnahmen. Erste Versuche mit befreundeten Golfern zeigten: Schon nach einer Sitzung konnte die Beweglichkeit deutlich gesteigert werden, die Golfer berichteten davon, dass sie den Ball nun deutlich weiter und auch präziser schlagen würden. Richters EvoSwing-Konzept umfasst drei Säulen: Biotuning, Fitness und Health. Das Biotuning zielt darauf ab, die Beweglichkeit des Golfers zu erhöhen. „In drei Sitzungen zu jeweils rund zwei Stunden mobilisieren wir gezielt die für die Golf-Beweglichkeit relevanten Faszien – und zwar so, dass er mit nur sechs Übungen diese Beweglichkeit dauerhaft aufrechterhalten kann“, beschreibt Richter sein Konzept. Einzige Voraussetzung für eine Teilnahme: Der Golfer soll schmerzfrei sein, sonst ist erst eine Therapie der Schmerzursachen erforderlich. Die Gefahr einer Überbelastung oder Überdehnung der Muskeln und Faszien besteht laut Richter nicht. „Wenn der Körper die angestrebte Mobilisation nicht unterstützt, merken wir dies als erfahrene Therapeuten sofort bei der Behandlung“, erläutert der Physio-Profi. Damit die Leistungssteigerung dauerhaft erzielt werden kann, erhält jeder Absolvent des EvoSwing-Konzepts sechs Übungen, die er oder sie zuhause leicht ausführen können. 

 „Natürlich gibt es auch Golfer, die auf diese Übungen verzichten und dann ein Mal pro Jahr zu uns kommen, damit über das Biotuning die Beweglichkeit wiederhergestellt wird“, ergänzt Richter schmunzelnd. Der zweite Baustein, Fitness, dient dazu, neben der neuen Beweglichkeit die Gesamtfitness des Golfers nachhaltig zu verbessern. „Dies ist nicht für einen Physiotherapeuten, sondern auch für den Club oder Pro eine gute Chance, seine Kunden an sich zu binden“, so Richter. Der dritte Baustein, Health, wendet sich gezielt an Golfer mit aktuellen gesundheitlichen Beschwerden. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass bis zu 40% aller Golfer vor der Runde Schmerzmittel einnehmen – will man deren Leistungsfähigkeit steigern, ist zunächst ein therapeutischer Ansatz erforderlich, um die Ursachen der Schmerzen zu eliminieren. Hier ist die Zusammenarbeit mit einem Arzt unverzichtbar, auch die Therapie wird individuell abgestimmt. Erst nach erfolgreicher Absolvierung des Health Bausteins kann auch dieser Golfer am Biotuning teilnehmen, erläutert Richter sein Konzept.

 

Auch wenn Richter sehr engagiert und fleißig ist: Natürlich kann er alleine nicht bundesweit alle Golfer betreuen. Nachdem er sein neues Konzept erstmals 2016 auf der Rheingolf vorgestellt hat und seitdem erfolgreich in seiner Mönchengladbacher Praxis anwendet, hat er längst mit dem nächsten Schritt begonnen: der bundesweiten Installation von Partner-Therapeuten, die das Konzept in Eigenregie umsetzen. „Wir bieten unseren Partnern nicht nur ein speziell auf Golfer ausgerichtetes Konzept mit seinen drei Bausteinen, sondern unterstützen diese auch durch einheitliches Lehrmaterial, ein bundesweites Marketing und bei der Vorbereitung und Durchführung lokaler Marketingmaßnahmen“, so Richter. Auch mit der PGA of Germany arbeitet der Physiotherapeut zusammen, EvoSwing ist dort Poolpartner. Mittelfristiges Ziel: Die Anzahl der EvoSwing-Therapeuten soll in den kommenden Jahren auf rund 500 anwachsen. Daher wird EvoSwing demnächst auch mit einer renommierten Aus- und Weiterbildungsinstitution für Physiotherapeuten zusammenarbeiten. „Die künftigen EvoSwing-Therapeuten sollen den Kontakt zu den örtlichen Golfclubs und Pros herstellen und gemeinsam mit diesen mögliche Formen der Zusammenarbeit inklusive finanzieller Rahmenbedingungen vereinbaren“, beschreibt Richter die Aufgabenteilung.

 

Der Vorteil des neuen Konzepts: Golfer können bereits während der ersten Sitzung im Biotuning die erlangte neue Beweglichkeit fühlen und sehen – und diesen Eindruck auf dem Platz bestätigen. „Unsere Zielgruppe reicht daher vom Profi-Golfer über den ambitionierten Amateur bis hin zum reinen Hobbygolfer“, fasst Richter zusammen. Und auch die steigende Wahrnehmung der Bedeutung der Faszien wirkt sich positiv aus, denn die Stimulanz der Faszien erfordert professionelle Behandlung und Anleitung, und nach anfänglichem Zögern entdecken immer mehr Physiotherapeuten die Bedeutung und Möglichkeiten gerade für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Hobbysportlern. „Unser Konzept bietet dem Golfer die Chance, sein Leistungspotenzial besser abzurufen, ohne seine Gesundheit zu gefährden – im Gegenteil, sie wird durch unser Konzept geschützt und verbessert. Dass dabei auch bessere Golfresultate möglich werden, macht das Konzept für beide Seiten zur Win-Win-Situation“, so Richters Resümee.

 

Autor: Michael Althoff | golfmanager 05/2018

 

<< zurück