Mehr Schlagweite dank größerer Athletik

Im Gespräch mit Clubfitter Martin Stecher, aperfectswing

Er ist Deutschlands „Clubfitter of the Year“ und von allen namhaften Herstellern zertifiziert. Tourspieler vertrauen seiner Expertise ebenso wie Mannschaftsspieler und Hobbygolfer. Martin Stecher aus dem Niedersächsischen Nienburg legt Wert auf individuelles, hersteller-unabhängiges Fitting. Besonders wichtig ist ihm, dass das passende Equipment stets auf Ziele, Körper und Schwung des Golfers ausgerichtet wird. Im Gespräch mit dem golfmanager gibt er Auskunft über die Entwicklung der Schlagweiten im Amateurbereich und die Unterschiede zu Weitenjägern wie Bryson DeChambeau.

 

? Herr Stecher, wie haben sich die Schlagweiten im Amateurgolf der letzten Jahre entwickelt?

! Im Grunde haben sich die Daten im Amateurgolf in den letzten Jahren kaum verändert. Technik und Schlägerkopf-Geschwindigkeit sind weitgehend unverändert. Auch die Schlagweiten sind vor diesem Hintergrund recht konstant geblieben.

 

? Dann profitieren Golfer also kaum von den ganzen Innovationen der Schlägerindustrie?

 

! Doch, aber auf andere Weise: Das heutige Material kann Schwungfehler deutlich besser kompensieren. Dadurch erhöht sich beispielsweise der Smash-Factor auch bei nicht optimal getroffenen Bällen. Die Hersteller bieten heute Modelle mit deutlich mehr Spezialisierung auf bestimmte Schwungtypen und -fehler. So sind insbesondere die Driver für bestimmte Treffmomente optimiert, Treffer an der Spitze beispielsweise richten dadurch weniger Schaden an als früher, aber auch Slice-Spieler bekommen heute bessere Unterstützung. Davon profitieren vor allem Spieler, die den Ball nicht optimal treffen – man könnte sagen: Die bisher kürzeren Golfer werden dadurch länger.

 

? Rührt ein Teil des oft zitierten Längengewinns nicht auch daher, dass heute bei den Eisen schlicht weniger Loft genutzt wird, also ein Eisen 7 von 1980 noch mehr Loft hatte als ein Eisen 7 von heute?

 

! In der Tat, alle Hersteller haben inzwischen ihre Lofts angepasst. Letztlich leben Hersteller vom Verkauf, und aus dem Fitting wissen wir, dass viele Golfer bei ihrer Kaufentscheidung die Schlagweite besonders stark gewichten. Um einen realistischen Vergleich zu ermöglichen, rechnen wir den Effekt möglicher unterschiedlicher Lofts im Fitting immer heraus, um einen realistischen Vergleich zu ermöglichen.

 

? Spielen Golfer nach Ihrer Einschätzung auf den Plätzen von den richtigen Teeboxen?

 

! Die meisten eindeutig nicht! Nach meiner Einschätzung nutzen maximal 25% aller Golfer die für sie passenden Abschläge. Wichtig ist immer: Welcher Golfertyp geht auf die Runde – eher ein sportlich ambitionierter Golfer oder ein Freizeitgolfer? Die gerade in Deutschland weit verbreitete geschlechter-spezifische Zuordnung von Teeboxen nach Farben, also Gelb für Herren und Rot für Damen, ist da wenig hilfreich.

 

? Sollten Golfanlagen dann mehr Abschläge pro Bahn bieten?

 

! Ein klarer Ja! Pro Bahn sollte es mindestens 1-2 zusätzliche Abschläge geben, gerne auch als etwas günstiger auszuführende Mattenabschläge. Zudem sollten die Abschläge stärker nach Spielstärke gewählt werden. Beim Skilaufen kommt auch niemand auf die Idee, einen Einsteiger direkt auf die schwarze Piste zu schicken. Dadurch können übrigens auch das Spieltempo und der Spielfluss positiv beeinflusst werden.

 

? Sind die Golfanlagen dann überhaupt zielgruppengerecht?

 

! Die meisten Golfplätze sind für den Durchschnittspieler zu lang und damit nicht optimal auf die Zielgruppe der Freizeitgolfer zugeschnitten. Aber auch die Golfer selbst spielen eine wichtige Rolle: Im Golf gibt es viele Mythen und Glaubenssätze, die oft unreflektiert übernommen werden. So meinen sehr viele Golfer, stets gegen Par zu spielen und nicht gegen ihr eigenes Handicap – viele Golfer sind daher viel zu ambitioniert oder überschätzen ihr eigenes Leistungsvermögen.

 

? Warum ist das ausgerechnet im Golf so?

 

! In kaum einer anderen Sportart gibt es so einen starken Zufallseffekt wie im Golf – sieht man einmal von Sonntagsschüssen im Fußball ab. Aber niemand läuft als 55-jähriger Amateur die 100 Meter auf einmal schneller als Usain Bolt in seinen besten Tagen. Im Golf kann man aber auch als Normalgolfer durchaus eine Bahn zufällig genauso gut oder gar besser als Tiger Woods spielen – da reicht oft ein eingelochter Chip aus.

 

? Welchen Beitrag kann Fitting dazu leisten, dass Golfer dennoch besser werden?

 

! Mein Ziel ist es, für jeden Golfer die bestmögliche Performance zu unterstützen. Da spielen Effizienz und Konstanz eine wichtige Rolle, gute Schläge sollen kein Zufall mehr sein. Wichtig ist, dass Schlägerkopf und Schaft stets als Einheit gesehen werden. Zudem möchte ich Golfer aus manch verbreitetem Schubladendenken herausholen: Warum soll beispielsweise ein 70-jähriger Golfer unbedingt einen Senior-Flex-Schaft spielen, wenn seine technischen Schwungwerte einen härteren Schaft ergeben?

 

? Alle wie viele Jahre sollte sich ein Golfer fitten lassen und das Equipment auf den Prüfstand stellen?

 

! Nach meiner Erfahrung macht das Schläger- und Schaftmaterial alle 4-5 Jahre einen veritablen Entwicklungssprung. So ist dadurch in den letzten Jahren die Durchschnitts-Schlagweite vom Tee gestiegen, obwohl sich – wie bereits erläutert – die Maximalweite kaum verändert hat. Aber das Material ist eben fehlerverzeihender. Ein häufigeres Fitting ist sinnvoll, wenn sich der Golfer in dieser Zeit spürbar entwickelt hat oder sich sein Schwung beispielsweise durch gesundheitliche Einflüsse verändert.

 

? Wenn die Schlagweiten insgesamt bei den Amateuren eher konstant geblieben sind: Wie kommt es dann, dass Profis wie Bryson DeChambeau, Matthew Wolf und Dustin Johnson mittlerweile reihenweise die 300 Meter-Marke vom Tee übertreffen?

 

! Golf ist ein Sport – und in jedem Sport gibt es immer unterschiedliche Leistungsniveaus! Wir sollten nicht vergessen: Dies sind Profi-Golfer. Sie feilen täglich nicht nur an ihrem Schwung und Spiel, sondern eben auch – gemeinsam mit den Herstellern – am für sie optimalen Equipment.

 

? Liegt das Geheimnis längerer Golfschläge dann primär auf der Range?

 

! Interessanterweise eher nicht. Technisch sind die heutigen Profis nicht unbedingt besser als ein Bobby Jones oder Sam Snead. Der große Unterschied ist Kraft und damit Athletik. Weitenjäger auf der Tour, aber auch Long Drive-Golfer, verbringen jede Woche Stunden im Kraftraum. Denn durch die Kraft wird eine höhere Schlägerkopf-Geschwindigkeit generiert, die für mehr Weite unerlässlich ist. Wer also die Ursache für mehr Länge auf den Profitouren sucht, sollte sich insbesondere die Entwicklung bei der Schlägerkopf-Geschwindigkeit anschauen. Aber Kraft alleine reicht nicht: Hier kommt wieder die Range ins Spiel. Denn nur mit der richtigen Technik und der bestmöglichen Effizienz gelingt es diesen Top-Golfern, ihre Kraft auch in Länge und Präzision umzuwandeln.

 

Herr Stecher, vielen Dank für diese aufschlussreichen Einblicke.

 

Das Gespräch führte unser Autor ­Michael Althoff | golfmanager 6/2020.

 

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