Tour Pros entdecken Hickory-Golf

Jack White in Gullane – Ursprüngliches Golf erleben

Es begann mit einem Traum: „Mit 14 wollte ich unbedingt Profi-Golfer werden“, so Boris Lietzow. Mehrere Titel als Clubmeister im heimischen Golfclub Rickenbach unweit der Deutsch-Schweizer Grenze folgten. Und bereits mit 16 begann er, Hickory-Schläger zu sammeln. Doch das Leben hatte andere Pläne mit Boris Lietzow. Und so verschlug es ihn auf der Suche nach einem Domizil in der Nähe des Meeres erst ein paar Jahrzehnte später nach Gullane – einem der wichtigsten Zentren für Golf in Schottland mit großer Historie und nicht zuletzt Heimat des Golfmuseums von Archie Baird. In diesem Ort hatte Ende der 1920er Jahre Jack White einen Golfshop eröffnet.

Der schottische Golfprofi White gewann 1904 die Open Championship im englischen Royal St. George‘s Golf Club. Und so entschloss sich Lietzow, Laden und Marke wiederzubeleben. „Am ursprünglichen Sitz des Ladens befindet sich heute eine Apotheke, aber der neue Standort ist ebenfalls nur wenige Meter vom Gullane Golf Club entfernt“, berichtet er. Und mit dieser Wiedereröffnung widmet sich Lietzow nun seiner lange gepflegten Leidenschaft, Hickory-Golf, auch beruflich. „Mir ist es wichtig, den Namen und das Lebensgefühl von Jack White aufrecht zu erhalten“, so sein Ziel. Deswegen habe er sich bei Eröffnung 2016 auch bewusst dafür entschieden, nicht seinen Namen, sondern den von Jack White nach vorne zu bringen. Auch auf Fotos legt er viel Wert darauf, dass er nur als Stellvertreter für eine Marke agiere – und nicht seine eigene Person in den Mittelpunkt gerückt werden soll. Im Rahmen der Austragung der diesjährigen Scottish Open in Gullane gelangte das bis dato eher Hickory-Connaisseuren bekannte Geschäft plötzlich ins Blickfeld der weltweiten Golfszene. Es begann mit einer Hickory-Challenge der European Tour – natürlich ausgestattet mit restaurierten Schlägern von Jack White. Das Video auf YouTube (www.youtube.com/watch?v=lgjymyhugm4) wurde binnen weniger Tage über 200.000 Mal aufgerufen. Offensichtlich wurden dabei auch mehrere Tour-Pros mit dem Hickory-Virus infiziert. Scottish-Open Sieger Brandon Stone, Masters-Champion Patrick Reed sowie viele ihrer Kollegen – unter anderem Ian Poulter, Andrea Pavan, Matt Kuchar und Jorge Campillo – haben sich zwischen Scottish Open und Open Championship mit eigenem Hickory-Equipment bei Jack White ausgestattet. Folge dieser Käufe: Sowohl das Label Jack White in Gullane als auch Hickory-Golf insgesamt erfuhren große Aufmerksamkeit, selbst für die Scottish Open der Damen überlegte man nun, ein Hickory-Showmatch zu organisieren.

Der Tradition verhaftet

Damit befindet sich Lietzow auf bestem Wege, seine Mission zu erfüllen. „Mir war es immer schon ein Anliegen, die alljährlich im Oktober ausgetragene World Hickory Championship populärer zu machen“, beschreibt er sein Ziel. Immerhin: Sandy Lyle, der den diesjährigen Inaugural Teeshot der Open Championship ausführte, hat besagtes Turnier bereits mehrfach gewonnen. Daher möchte Lietzow für das Turnier auch einen speziellen regelkonformen, öko-freundlichen Golfball auf Basis eines historischen Vorbilds realisieren. Gemeinsam mit dem Unternehmen Dixon stehen konkrete Pläne unmittelbar vor der Umsetzung. „Bereits zur diesjährigen World Hickory Championship möchte ich einen Ball auf Basis des Globe Balls von Dixon präsentieren“, so der Hickory-Fan.

Natürlich bleibt auch in Zukunft das Ladengeschäft von Jack White im Mittelpunkt der Aktivitäten. „Mir werden Hickory-Schläger aus ganz Schottland angeboten – manchmal werden sie sogar einfach vor der Tür abgestellt“, so Lietzow. Alle Schläger werden dann in liebevoller Kleinarbeit von ihm restauriert. Denn Recycling ist für ihn ein wichtiger Aspekt des Hickory-Golfs. „Wir spielen mit Schlägern, die teils über 100 Jahre alt sind – und weiterhin spielbar sind. So etwas gibt es sonst in keinem anderen Sport“, beschreibt er seine Sicht. Auf alle von ihm restau­rierten Schläger gibt Jack White übrigens eine lebenslange Garantie, bricht trotzdem einmal ein Schaft, wird dieser kostenlos ausgetauscht. In den vergangenen Monaten hat Jack White nicht nur Kunden aus Schottland und der englisch-sprachigen Welt gewonnen, sondern auch viele Kunden aus dem deutschsprachigen Raum. „Bei Jack White spricht man Englisch, Deutsch, Allemannisch und Französisch“, so Lietzow. Das Unternehmen wendet sich jedoch nicht nur an Endkunden, sondern bietet auch Golflehrern in ganz Europa eine Zusammenarbeit an. „Wir bieten Golflehrern und Pro-Shops komplette Hickory-Sets ab 250 GBP an, Putter kosten ab 30 GBP – damit bleibt genug Luft für eine eige­ ne Marge der Pros“, beschreibt er das Konzept.

 

Natürlich wird sich Jack White weiterhin vor Ort für die Förderung des Hickory Golfs engagieren. Wer diese Variante einmal ausprobieren möchte, kann im Laden spielbare Sets für 20 GBP am Tag ausleihen – und dabei feststellen, dass Hickory viel mehr als moderne Schläger mit Shotmaking zu tun hat. Ebenfalls neu im Angebot: Die Hickory Experience, bei der Golfer aus aller Welt vier Plätze rund um Gullane mit Hickory-Schlägern genießen – auf Wunsch auch mit Übernachtung sowie mit Leih- oder Testsets.

 

Damit hat Lietzow seinen Traum am Ende doch in gewisser Weise umgesetzt. Er ist zwar kein Playing Pro geworden, sondern einer der führenden Profis rund um das Thema Hickory Golf. Und wenn es ihm schon gelingt, die an modernes Equipment gewohnten Tour-Spieler vom Erlebnis Hickory zu überzeugen, sollte Jack White in nächster Zukunft viele Golfer aus dem Amateurbereich von dieser so ursprünglichen Version des größten Spiels aller Zeiten ebenfalls überzeugen können.

 

Autor: Michael Althoff | golfmanager 04/2018

 

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