Wurst essen gefährlicher als Glyphosat?

Aus der Sicht eines Marktbeobachters

Foto: © rioblanco/123rf.com

Ist die Aversion in Teilen der Bevölkerung in Deutschland gegen das Totalherbizid Glyphosat bedingt durch die weltweit bekannte „German Angst“? Sind es nur die Deutschen, die ein Volk von Angsthasen sind und geht es darum, Totalherbizide und andere Pflanzenschutzmittel abzulehnen?

 

Es liegt möglicherweise eher daran, dass die Deutschen eine tief verwurzelte Angst vor Chemie haben. Bilder, wie das Fischsterben in der Elbe und im Rhein, die kollektiv in Erinnerung sind. Hören wir Dioxin, werden wir panisch. Der belgische Dioxin-Skandal von 1999, der als „Chicken-Gate“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist, hat leider (wieder einmal) offenbart, dass Dioxin- und PCB-belastetes Futterfett zu Geflügelerkrankungen u.a. in Mastbetrieben führt.

 

Bereits aus den als „Chick Edema Desease“ bekannten Vorfällen mit kontaminierten Futtermitteln, die 1957 und 1960 in den USA zum Keulen hunderttausender Nutztiere wie Hühnern und Rindern führte, war bekannt, dass durch Beimengung von PCP- und PCB-verunreinigten Fetten und Ölen in Futterfette, Dioxine und Furane entstehen, die zu schweren Krankheiten und Missbildungen der gefütterten Nutztiere führen und in die menschliche Nahrungskette eingetragen werden.

 

Statistische Wahrscheinlichkeiten, um die es in der Risikobewertung geht, spielen bei der „German Angst“ kaum eine Rolle. Zum Beispiel fürchten sich die Deutschen den Medienberichten zufolge vor allem vor islamistischem Terror und Kriminalität durch Flüchtlinge. Dabei ist das Risiko, im Straßenverkehr zu verunglücken sehr viel größer.

 

Selektive Wahrnehmung

Gäbe es einen Tag im Jahr, an dem alle Menschen, die im Laufe eines Jahres auf deutschen Straßen sterben, ums Leben kommen, wären wir völlig vor den Kopf gestoßen und würden ein anderes Bewusstsein für das Risiko des Autofahrens entwickeln. In kleinen Dosen, mal hier, mal da ein schockierender Zeitungsbericht über Autounfälle, hat uns verleitet, das Risiko als überschaubar und gewöhnlich zu betrachten.

 

Gewöhnung verleitet zu Leichtsinn. Bekannt ist, dass viele Unfälle im Haushalt passieren. Zu Hause meinen wir, alles unter Kontrolle zu haben. Darum klettern wir auf wacklige Stühle, um Reparaturen durchzuführen, obwohl wir wissen, dass wir es besser nicht tun sollten. Soziologen nennen dies einen optimistischen Fehler. Optimistische Fehler kosten jedes Jahr Zehntausende das Leben. Risikobewusstsein hängt demnach stark von der persönlichen Wahrnehmung ab.

 

Wenn das so ist, dann spielt Kontrollverlust eine entscheidende Rolle. Fühlen Menschen sich ausgeliefert, nimmt ihre Angst zu, einem unkalkulierbaren Risiko ausgesetzt zu sein. Darum ist unsere Sicht auf die Nahrungskette auch so sensibel. Was man isst, ist einem nicht egal. Die Angst, etwas zu sich zu nehmen, was gefährlich ist, was wir weder gustatorisch noch olfaktorisch wahrnehmen können und uns krank macht, ist allgegenwärtig. Wie hätten sonst die zum Teil übervorsichtigen Haltbarkeitsdaten auf Lebensmitteln solch einen Siegeszug durch die Lebensmittelindustrie antreten können? Haltbarkeitsdaten sind zu einem Marketingtool geworden.

 

Kommen wir wieder zum Totalherbizit Glyphosat. Es wurden sogar Spuren im Bier nachgewiesen. Und dann hat der geschäftsführende Landwirtschaftsminister im November 2017 auch noch zugestimmt, dass Glyphosat weitere fünf Jahre in der EU eingesetzt werden darf. Empört sich die Presse und interessierte Kreise, haben sie gemeinsam mit einigen Nichtregierungsorganisationen möglicherweise bewusst Ängste geschürt und das Thema stark emotionalisiert?

 

Alles halb so wild?

Objektivität lässt sich ohne Bedenken weder den Glyphosat-Befürwortern noch den Gegnern unterstellen. Die einen sagen: „Glyphosat wirkt augenreizend, in hoher Konzentration kann der Wirkstoff den Magen reizen. Das ist das Gefährdungspotenzial. Aber das tatsächliche Risiko für einen Menschen ergibt sich aus der Wahrscheinlichkeit, damit in Berührung zu kommen. Werden glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel von den Landwirten sachgerecht angewendet, ist dieses Risiko minimiert. Für mögliche Rückstände von Glyphosat in Lebensmitteln hat der Gesetzgeber einen Höchstgehalt festgelegt. Wird dieser überschritten, heißt es nicht, dass ein Produkt gesundheitsgefährdend ist. Es darf aber nicht mehr gehandelt werden“, so Professor Andreas Hensel, Präsident des Bundesins­tituts für Risikobewertung (BfR).

 

Auch, wenn die Welt­gesundheitsorganisation (IARC) Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ einstuft, so entgegnet Professor Hensel: „Die IARC hat auch die Krebsgefahr durch Sonnenlicht oder den Verzehr von Fleisch eingestuft. Wurst essen ist nach den Kategorien der IARC gefährlicher als Glyphosat. Wir haben sämtliche verfügbaren, also mehr als 1.000 Studien und Dokumente zu Glyphosat auf ein Krebsrisiko hin bewertet, und wir haben keinen Hinweis gefunden, dass der Wirkstoff bei vorschriftsgemäßer Anwendung krebsauslösend wirkt. Der Hauptrisikofaktor für Krebs ist übrigens das Alter.

 

Bernhard Url, geschäftsführender Direktor der EU-Lebensmittelsicherheitsbehörde Efsa sagt dazu: „Wenn es darum geht, ob die menschliche Gesundheit von Glyphosat geschädigt werden könnte, dann sind diese Ängste unberechtigt. Glyphosat ist eine der am besten untersuchten Substanzen am Markt. Kürzlich ist eine US-amerikanische Studie erschienen, für die 50.000 Landwirte über Jahre beobachtet wurden. 40.000 von ihnen hatten Glyphosat angewendet, und man hat keinen Zusammenhang mit einem erhöhten Krebsrisiko gefunden.

 

Mit diesen Äußerungen stehen BfR und Efsa in der Kritik. Url dazu: „Wir liefern Ergebnisse, die auf Fakten und anerkannten Methoden basieren. Ob sie jemandem gefallen oder nicht, spielt keine Rolle. Als wir beispielsweise Neonicotinoide als gefährlich für Bienen eingestuft haben, haben uns dieselben Leute gelobt, die uns jetzt wegen unserer Glyphosat-Bewertung vorwerfen, in der Hand der Industrie zu sein. Politiker und NGOs diskreditieren die Efsa und das BfR vorsätzlich, um den eigenen Argumenten mehr Gewicht zu verleihen. Am Ende bleibt die Wissenschaft auf der Strecke, und wir gehen zurück in ein dunkles Zeitalter von Aberglauben und ‚Fake News‘.

 

Die Gegner, wie der BUND, dazu: „Glyphosat ist das meistverkaufte Unkrautvernichtungsmittel der Welt und ein sogenanntes ‚Totalherbizid‘. Es tötet jede Pflanze, die nicht gentechnisch so verändert wurde, dass sie den Herbizideinsatz überlebt. Bekannt ist es vor allem unter dem Markennamen ‚Roundup‘, ein Produkt von Monsanto. Glyphosat ist laut Krebsforschungsagentur der WHO wahrscheinlich krebserregend beim Menschen – und es trägt maßgeblich zum Artensterben in der Agrarlandschaft bei.

 

Woran kann man sich nun orientieren? Ist es eine Glaubenssache, links gegen rechts? Globalisierungsgegner gegen Globalisierungsbefürworter (Bayer will Monsanto für rund 66 Milliarden Dollar übernehmen)? Zum Artensterben tragen Totalherbizide bei, daran ist nicht zu rütteln. Aber was ist z.B. mit den Monokulturen, dem Roden von Wäldern für Sojaanbau in Südamerika, den riesigen Linsenkulturen in Kanada, oder der massiven Ausweitung der Maismonokulturen in Niederbayern? Dem Import von Gülle aus den Niederlanden nach Niedersachsen und der damit in Zusammenhang stehenden stark erhöhten Nitratbelastung des Grundwassers und der Böden? Auch das führt zu Artensterben. Es ist also wieder die bekannte Kombination von Mensch und Gier, oder um es politisch korrekter zu sagen, eine Frage der Optimierung.

 

Apropos: Wenn also Wurst essen gefährlicher ist als Glyphosat, dann ist zu bedenken, dass laut der Weltgesundheitsorganisation der Verzehr von rotem Fleisch und Wurst das Krebsrisiko erhöht. Aber stört das die Fastfood-Anhänger?

 

Autor: Adriaan A. Straten/ golfmanager 01/2018

 

Quelle: N24, www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/glyphosat-streit-efsa-chef-bernhard-url-es-gab-keine-verschwoerung-a-1189134.html, www.bund.net/umweltgifte/glyphosat/, Abrufdatum: 23.02.2018

 

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