The Open 2018 – ein Turnierbericht

Europas Mega-Event im Extrem-Sommer 2018

Nicht nur St. Andrews, ganz Schottland sieht sich gerne als Home of Golf. Im Juli 2018 wurde das Land diesem Ruf erneut mehr als gerecht: Ein ganzes Feuerwerk internationaler Top-Turniere war zu Gast, und dies sogar in einem Umkreis von lediglich rund zwei Autostunden. Los ging es mit der „Aberdeen Standard Investments Scottish Open“ der Herren, danach folgte die „The Open“ auf dem Championscourse von Carnoustie Links. Im direkten Anschluss gastierte die „British Senior Open“ der Herren in St. Andrews, gleichzeitig waren die Damen mit der „Aberdeen Standard Investments Ladies Scottish Open“ ebenfalls in Gullane zu Gast. Kein Wunder, dass die gesamte Golfwelt daher ins Mutterland des Golfsports blickte. Und für Experten wenig überraschend: Auf den Fernsehbildschirmen rund um den ganzen Globus bot sich ein ähnliches Bild, wie es derzeit viele Golfer aus ihren Heimatclubs kennen: Trockenheit und braune Fairways allerorten. Gerade bei den Luftaufnahmen zur Open dominierte daher der Farbton Braun deutlich gegenüber Grün. So dauerte es nicht lange, bis in den sozialen Medien erste Kommentare erschienen, die sich darüber aufregten und die offensichtlich mangelnde Platzpflege – noch dazu beim ältesten Major der Welt – anprangerten.

 

In deutlichem Gegensatz dazu stand von Beginn an die Meinung der teilnehmenden Profis, welche die R&A ausdrücklich für den tollen Zustand des Platzes lobten. Pat Perez war voll des Lobes für den Veranstalter – ganz im Gegensatz zu seiner Bewertung der USGA und ihrer Strategie bei der diesjährigen US Open. „Let the course get baked, but you‘ve got the greens receptive“, so Perez im Interview. Und dies beschreibt die Strategie der R&A perfekt: Die Fairways ließ man austrocknen, deshalb waren sie braun-gelb. Wer jedoch vor Ort, beispielsweise im Rahmen der Practice Days, selbst einmal über die Fairways lief, stellte fest: Man läuft dennoch wie auf Teppich! Optik und tatsächlicher Zustand waren daher bei weitem nicht deckungsgleich. Und die Profis merkten schnell, dass auf diesen Fairways den Abschlägen kaum Grenzen gesetzt waren. Rolls von 50 bis 70 Metern mit dem Driver waren keine Seltenheit, auch Driving Irons erzielten Weiten, die sonst oft noch nicht einmal mit dem Driver von Longhittern erreicht werden. Der Golfchannel hat die Fairways einmal genauer unter die Lupe genommen und per Stimpmeter nachgemessen. Ergebnis: 9,5 – das ist schneller als es die meisten Grüns auf deutschen Golfanlagen sind! Apropos Grüns: Sie waren das genaue Gegenteil der Fairways – sattes Grün stach ins Auge und die Spielflächen waren zwar schnell, aber dennoch weich genug, damit die Bälle durch Spin wie geplant bei Annäherungsschlägen hielten. Der Platz war somit ein würdiger Rahmen für das einzige Major auf europäischem Boden – das 2018 immerhin bereits seine 147. Austragung feiern konnte. Dennoch war Carnoustie Champions keineswegs ein leichter Platz. Nicht umsonst sehen ihn viele Profis als schwierigsten Platz der gesamten Open Rota an – sein Spitzname „Carnasty“ verdeutlicht dies. Das liegt zum einen an den teilweise engen Drivelandezonen, an sehr vielen und hervorragend platzierten Bunkern und nicht zuletzt an teils stark ondulierten Grüns. Kommt dann auch noch Wind auf, zieht dieser Platz selbst vielen Profis schnell die Zähne.

Bewusste Entscheidung der R&A, angesichts der in Europa vorherrschenden Trockenheit im Juli 2018: Die Fairways ließ man austrocknen – Spitzengolf konnte trotzdem gespielt werden. (Alle Fotos M. Althoff)
Impressionen von der Open im Extremsommer Juli 2018: Wären da nicht die braunen Fairways, die Grüns (hier von Bahn 6) wirkten wie aus dem Bilderbuch.
Deutlich zu erkennen: der Kontrast zwischen braun-gelben Fairways und Grüns, hier Bahn 6, besser bekannt als Hogan‘s Alley ...
… oder an Bahn 13.
Bei kleinerem Bildausschnitt oftmals kaum vorstellbar: die Profis waren trotz trockener Fairways voll des Lobes für die ­perfekte ­Platzpflege – hier Bahn 14.
Auch an Bahn 18 blieb man sich der Linie treu: Bewässerung auf das Nötigste beschränken.

Top-Golf auf historisch ursprünglicher Anlage

Dieses Jahr hatten die Profis jedoch Glück: Leichter Regen am Freitag-Vormittag ließ die Fairways etwas weicher werden, und erst pünktlich zur Finalrunde setzte nennenswerter Wind ein. Dass dennoch gerade einmal 27 Spieler einen Gesamtscore unter Par erzielten, spricht Bände in Bezug auf die Schwere des Platzes. Obwohl der Par 71-Platz zudem eine respektable Länge aufweist, setzte sich am Ende mit Francesco Molinari alles andere als ein Longhitter durch. Dennoch gelang dem Italiener ein neuer Open-Rekordscore gegen Par mit acht Schlägen unter Platzstandard nach vier Runden. Einmal wurde damit deutlich, dass Links Golf eine ganz eigene Disziplin des Golfspiels ist. Hier kommt es nicht in erster Linie auf Länge an, sondern auf Präzision. Shotmaking und Course Management gelten als Schlüsselfaktoren zum Erfolg – da wird schon einmal weit vor dem Grün der Putter gezückt und der Driver bleibt zugunsten des langen Eisens in der Tasche. Genau solche Anlagen sind in Deutschland jedoch Mangelware, sieht man einmal von Budersand auf Sylt, dem Golfclub Föhr oder dem Hofgut Georgen­thal (obwohl im Landesinneren gelegen und somit kein echter Links Course) ab. Von daher ist es verständlich, wenn viele deutsche Golfer mit den Besonderheiten eines Links Courses nicht so vertraut sind. Natürlich sind auch die traditionellen Links Courses heute mit modernsten Bewässerungssystemen ausgestattet. Dennoch: Die Bodenbeschaffenheit (Sandboden) und der ständige, teils kräftige Wind haben im Laufe der Jahrhunderte eine ganz eigene Kategorie von Golfanlagen entstehen lassen, die sich hinsichtlich Spiel und Platzpflege deutlich von anderen Konzepten wie beispielsweise Parkland-Plätzen unterscheidet. Zur Erinnerung: Als das heutige Golf, angeführt durch Old Tom Morris, seinen Aufschwung im 19. Jahrhundert begann, waren die heute gängigen Bewässerungssysteme weitgehend unbekannt. Ein Platz im Zustand wie Carnoustie 2018 dürfte historisch gesehen somit den Ursprüngen des Golfsports in Großbritannien viel näher kommen als ein moderner, stetig bewässerter und immergrüner Golfplatz.

 

Großbritannien noch immer Europas ­Golfland Nr. 1

Die Open 2018 stand auch im Zeichen eines besonderen Comebacks: Tiger Woods kehrte nach verletzungsbedingter, jahrelanger Abstinenz wieder zur Open zurück und wurde von Publikum und Medien mit großer Aufmerksamkeit bedacht. Vor allem bei den Medien war eine regelrechte Tiger-Mania zu beobachten: Fernsehteams von Sky und NBC verfolgen nahezu jeden seiner Schritte und Schläge, auch die Fotografen waren bei ihm deutlich häufiger zu finden als bei anderen Spielern. Dass dann leider ausgerechnet auf der Schlussrunde auch die Unsitte einsetzte, mitten in seinen Schwung beim Abschlag zu rufen, gehört zu den unangenehmen Begleiterscheinungen von Tigers Rückkehr.

In Großbritannien hat Golf nach wie vor einen besonderen ­Stellenwert – die Vorfreude zu den Großevents ist überall zu spüren.

Auch die Zuschauerzahlen unterstreichen: Turniere mit dem Tiger sind besonders begehrt. Erreichte Carnoustie bei der Open-Austragung 1999 noch 157.000 Zuschauer, waren es dieses Jahr über 172.000 – darunter gut 20.000 Zuschauer unter 25 Jahren. Damit wurden zwar nicht die Zuschauerzahlen des Vorjahres erreicht – in Royal Birkdale wurden 235.000 Besucher gezählt – aber es zeigt sich immer wieder, dass Golf in Großbritannien einen anderen Stellenwert im Sport einnimmt als in vielen anderen europäischen Ländern.

Wirkte völlig entspannt: Henrik Stenson gab an den Practice Days bereitwillig Autogramme auf der Runde.
„Zugpferd“ Tiger Woods bei seinem Comeback auf der Open 2018 – hier am siebten Abschlag.

Die Open: Großevent, nicht nur auf dem Platz

Die Geschichte einer Open-Championship ist jedoch weit mehr als der reine finale Score – auch wenn Sieger Francesco Molinari immerhin einen Siegerscheck über 1,89 Millionen USD in Empfang nehmen durfte und sein Caddy damit – legt man die branchenübliche Beteiligung von zehn Prozent zugrunde – in der Open-Woche mehr verdient hat als es der Zweite der in der Folgewoche stattfindenden Porsche European Open erzielen konnte. Auch das Thema Merchandising wird bei der Open konsequent wie bei nur wenigen anderen Turnieren gelebt: Weiterhin setzt die R&A hier ihr Credo fort, dass es zu bestimmten Themen immer nur genau einen Partner geben kann. So wurde der langjährige Whisky-Partner Glenmorangie dieses Jahr erstmals durch Loch Lomond Whisky ersetzt – eine noch eher weniger bekannte Marke, die mit speziellen Open-Editionen das Herz der whisky-liebenden Golffans in den kommenden fünf Jahren erobern möchte. Boss hat erstmals im Merchandising den aus Solheim-Cup und Ryder-Cup bekannten Ansatz verfolgt, für ihre Top-Spieler die jeweiligen Kollektionen pro Spieltag anzubieten. Ein weiterer wichtiger Aspekt einer Open-Championship ist die Interaktion zwischen den Spielern und den Besuchern. Eine Open kommt ohne Pro-Am aus, stattdessen gibt es bis einschließlich Mittwoch Practice Days, an denen die Besucher den Spielern so nahe kommen wie sonst kaum.

Die Eröffnungsgruppe der Open mit Martin Kaymer – leider lief es für den Deutschen nicht so gut und das Turnier war für ihn nach dem zweiten Tag vorzeitig beendet.
Gary Woodland bei einem seiner Zauberschläge.

Und es ist immer wieder erstaunlich, wie locker und nahbar die Spieler sich hier präsentieren. Martin Kaymer nahm sich selbst während der Runde stets Zeit für die Autogrammwünsche junger und älterer Fans, auch Top-Stars wie Henrik Stenson erfüllten an nahezu jedem Grün geduldig die Autogrammwünsche ihrer Fans. Und auch die Medien spielen eine wichtige Rolle – so gab Masters-Champion Patrick Reed mitten auf der Proberunde Sky ein Interview und demonstrierte auch gleich das richtige Bunkerspiel; dies allerdings nicht unbedingt zur Freude des hinter ihm spielenden Retief Goosen, der – wie viele Tourspieler – gerade auf Proberunden sehr auf die Spielgeschwindigkeit achtet. Ein weiterer wichtiger Faktor der Open: die unzähligen offiziellen und freiwilligen Helfer. Auch der Deutsche Golf Verband (DGV) war im Einsatz: Dietrich von Garn, zuständig für Golfregularien und Spielleiter, war wie vor zwei Jahren auch in Carnoustie im Einsatz. Unverzichtbar auch in Schottland: die unzähligen Volunteers. Insgesamt 1.319 freiwillige Helfer unterstützten Spieler und Organisatoren beim reibungslosen Ablauf des Events.

 

Royal Portrush im Blick

Mit dem Ende der Open 2018 richten sich die Blicke nun gebannt nach Nordirland, genauer nach Portrush. Denn im Juli 2019 wird im Royal Portrush Golf Club erstmals nach über 50 Jahren wieder eine Open außerhalb Englands oder Schottlands ausgetragen. Die zahlreichen Baumaßnahmen vor Ort in den vergangenen Monaten lassen bereits erahnen, dass die Nordiren alles daran setzen, diese Open zu einem nachhaltigen Erlebnis werden zu lassen. Ersten Gerüchten zufolge soll beispielsweise alleine das Merchandising-Zelt gegenüber der 2018er Version für rund 150.000 GBP erweitert werden. Erstmals seit langem begann die R&A auch mit dem Kartenverkauf für die nächstjährige Open noch bevor das Turnier des laufenden Jahres abgeschlossen war. Die Verkaufserfolge lassen Großes erahnen: Binnen einer Woche wurden bereits 20 Prozent des gesamten Ticketkontingents für das kommende Jahr verkauft. Und auch die irischen und nordirischen Tourismus­organisationen bereiten umfangreiche Marketingkampagnen vor, um dieses Mega-Event zu unterstützen. Bleibt zu hoffen, dass die weiterhin stockenden Brexit-Verhandlungen vor allem für Partner und Teilnehmer aus Kontinentaleuropa nicht noch unbekannte Hemmnisse mit sich bringen werden. Denn ein so traditionsreiches Turnier wie die Open ist immer einen Besuch wert.

 

Autor: Michael Althoff | golfmanager 04/2018

 

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Als DGV-Vertreter bei der Open im Einsatz: Dietrich von Garn, hier beim Handshake mit Tyrell Hatton.

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