Erfolgsfaktor Golferlebnis

Mit Know-how und Leidenschaft für die Zukunft gerüstet

Kamingespräch mit Brandel Chamblee (Lead Analyst Golf Channel), Agustín Pizá ( Founder Pizá Golf) und Kraig Kann (Managing Director Kann Advisory Group) im Rahmen der Golf Business Conference 2022 der NCGOA

Golf wächst derzeit wie kaum eine andere Sportart. Damit steigt die Vielfalt der Erwartungen an das Golfspiel und die Golfanlagen. Zudem steht schon heute die Frage im Raum, wie Golf auch nach der Pandemie weiter wachsen kann. Eine wichtige Rolle nimmt dabei das Erlebnis auf und neben dem Golfplatz ein. In einem Kamingespräch zum Auftakt der Golf Business Conference 2022 der NGCOA (National Golf Course Owners Association) beleuchteten Brandel Chamblee, ehemaliger Tourspieler und heute Lead Analyst des Golf Channels sowie erfolgreicher Buchautor, sowie Agustín Pizá (Gründer von Pizá Golf und mehrfach als einer der kreativsten Köpfe Mexikos ausgezeichneter Architekt) die Frage, wie Golfplatzdesign zu diesem Erlebnis beitragen könne.

Unter der souveränen Moderation von Kraig Kann, der seinerseits auf eine langjährige Karriere beim Golf Channel zurückblickt und rund fünf Jahre als Chief Communications Officer der LPGA wirkte, wurden die verschiedenen Facetten des Golferlebnisses zum Auftakt der diesjährigen Golf Business Conference in Orlando analysiert.

 

In seinem Eingangsstatement betonte Kann, dass die Golfbranche für eine weiterhin positive Entwicklung nicht nur ihre aktuellen Leistungsträger halten müsse, sondern neue Mitarbeiter und Führungskräfte integrieren solle – die auch mit den teils veränderten Sichtweisen der neuen Golfer vertraut seien. Denn letztlich seien es die Mitarbeiter, die wesentlich zum Erlebnis auf Golfanlagen beitrügen.

Dass das Kamingespräch ohne echtes Feuer abgehalten wurde, war schnell vergessen, denn bei allen drei Gesprächsteilnehmern wurde schnell deutlich, mit welcher Leidenschaft sie sich für Golf engagieren und sie „für ihren Sport brennen“. Chamblee und Pizá arbeiten inzwischen unter dem Brand „Pizá Chamblee“ zusammen und sind bei zahlreichen neuen Projekten der Golfbranche aktiv – nicht nur bei Golfplatzdesigns, sondern auch Nextlinks, dem neuesten Indoor-Golf-Konzept.

 

Moderne, individuelle Konzepte sind gefragt

Chamblee wies darauf hin, dass derzeit besonders Frauen in den USA Golf für sich entdeckten – die meisten Plätze seien jedoch traditionell eher auf das Spiel der Herren ausgerichtet, das gelte auch für das Profigolf. „Wir brauchen ein TPC Sawgrass speziell für das Damengolf“, so seine Anregung. Denn nur wenn die Infrastruktur auch die Erwartungen der neuen Zielgruppe erfülle, sei das derzeitige Wachstum nachhaltig. Gerade als Analyst beschäftigt den US-Amerikaner die Frage, wie sich das Golfspiel künftig entwickeln werde. Dabei betonte er die Notwendigkeit, über den regionalen Tellerrand zu blicken. Viele der heute besten Plätze seien aus einer Zusammenarbeit von Menschen verschiedener Regionen oder gar Kontinente entstanden. Genau hier sieht er den Vorteil seiner Kooperation mit Pizá, der nicht nur ein ausgezeichneter und äußerst innovativer Golfplatz-Architekt sei, sondern auch in der klassischen Architektur über ausgezeichnetes Know-how verfüge. Für bestehende Golfer und Neugolfer sei stets wichtig, dass sie Spaß am Spiel hätten. Das erfordere, so Chamblee, nicht zwangsläufig immer einen 18-Löcher-Platz. Überhaupt, die Fixierung auf 18 Bahnen sei schlicht zufällig entstanden, viele berühmte Plätze wie Prestwick, Muirfield oder der Old Course in St. Andrews hätten ursprünglich mehr oder weniger als 18 Bahnen gehabt. Pizá wies darauf hin, dass Golfanlagen ein klares Ziel bräuchten: Was soll mit der Anlage erreicht werden, welche Zielgruppe steht im Mittelpunkt? Ein schlichtes Kopieren traditioneller Muster, beispielsweise mit 18 Bahnen und mindestens fünf Teeboxen pro Bahn, sei wenig zielführend – und zu viele oder zu lange Bahnen sowie zu viele Teeboxen, die gar nicht genutzt würden, führten letztlich zu unnötigen Kosten in der Pflege und Unterhaltung der Anlage. „Wer wollen wir mit unserer Anlage sein?“ sei eine zentrale Frage, an deren Ende mal ein Champion-ship Course, mal ein auf Unterhaltung ausgerichteter Platz stehen könne. Gerade der Trend zu immer längeren Plätzen gehe an der tatsächlichen Entwicklung bei den Amateuren vorbei, so Pizás Erkenntnis. Doch längere Plätze erhöhten automatisch den Flächenbedarf und damit Investitions- und Unterhaltungskosten. Zudem solle man sich überlegen, ob man den Platz für Carts oder als Walking Course konzipieren möchte. Sein Credo: Oft liegt die Lösung in einer Mehrzweck-Nutzung, welche unterschiedliche Golfkonzepte und Spielmöglichkeiten auf einer Anlage unterstütze (siehe dazu auch das Interview mit Agustín Pizá im golfmanager 2/21). Dadurch könnten moderne Konzepte auch mit geringeren Budgets umgesetzt werden. Sein Appell an alle Verantwortlichen: „Wir bauen heute keine Plätze mehr, sondern kreieren Erlebnisse!“

 

 

Moderator Kann wies darauf hin, dass das Erlebnis nicht nur den Platz betreffe, sondern auch die Übungsanlagen. Dem pflichteten Chamblee und Pizá uneingeschränkt bei. Chamblee betonte, dass vor allem bei Einsteigern das Spieltempo eine Herausforderung sei und sich diese auf dem Platz durch hinter ihnen spielende, erfahrenere Golfer oft unter Druck gesetzt fühlten. Umgekehrt sei die Range für viele Golfer wenig verlockend. Daher könne ein kleiner 3-Löcher-Platz oft der bessere Ansatz für diese Zielgruppe sein. Auch Stadium Golf sei ein wichtiger Trend, denn weiterhin sei Zeit häufig der limitierende Faktor – und die stundenweise Buchung der Bays ermögliche hier eine flexible Anpassung. Wichtig sei, gerade die Bedürfnisse der neuen, jüngeren Golfer zu berücksichtigen. Für sie gehörten Musik und Getränke auf der Range oder auf dem Platz oft längst zum Standard. Sein Partner Pizá betonte, dass gerade Mehrzweckanlagen eine flexible Anpassung an die Auslastung ermöglichten. So könne eine Range in weniger stark nachgefragten Zeiten als Kurzplatz genutzt werden, auch in Kombination mit Speisen und Getränken. Wichtig sei immer die Frage, was ein Club darstellen und erreichen möchte. Interessant auch die Anregung der beiden Partner, dass Golfanlagen nicht nur einen Starter, sondern künftig einen „Closer“ bräuchten: Menschen, welche die Golfer nach der Runde in Empfang nähmen und das Erlebnis erfragten – und dann auch dafür sorgten, dass diese Erlebnisse über die sozialen Medien kommuniziert würden. Wichtig sei, dass man zielgruppengerechte Golferlebnisse nicht nur auf 18-Löcher-Anlagen, sondern auch auf Plätzen mit drei oder sechs Bahnen schaffen könne.

Fun und Entertainment werden zunehmend wichtig

Beide Protagonisten legen Wert darauf, dass man mit neuen Angeboten jedoch den traditionellen Golfer nicht außer Acht lassen oder gar verschrecken solle. Wichtig seien Zielgruppen-gerechte Konzepte, und die könnten je nach Anlage sehr unterschiedlich ausfallen. Beide betonten in diesem Zusammenhang die Bedeutung des örtlichen Pros, der die Golfer auf der jeweiligen Anlage betreue. Allerdings beobachte man derzeit, dass diese Position immer schlechter bezahlt werde – womit sich die Frage stelle, wie man künftig die besten Pros für die Anlagen finde. Der Assistant Pro sei künftig oft ein „Director of Fun“, der sich insbesondere um Kinder und Neugolfer kümmere und diese mit Spaß an den Sport heranführe. Kann warb in diesem Zusammenhang für eine Neuinterpretation des CEO – er werde zum Chief Experience Officer, Golfanlagen sollten gerade abseits des Platzes zum Entertainment-Zentrum werden, um insbesondere die neue Golfer-Generation zu integrieren. Pizá stellte dar, dass heutiges Golfplatz-Design der Zeit voraus sein solle – so wie man bei einer Modenschau auch nicht sehen wolle, was im Vorjahr aktuell war. Er warb dafür, keine Golfbahnen zu bauen, sondern Erlebnisse zu kreieren – abgestimmt auf die Zielgruppe, die eine Golfanlage ansprechen möchte. Die Erweiterung einer Golfanlage um zusätzliche Spielbahnen, beispielsweise von 18 auf 27 Bahnen, schaffe per se keine neuen Erlebnisse und spreche damit auch keine neuen Zielgruppen an. Neue Konzepte ermöglichten hingegen auch neue Angebote im Mitgliedsbereich und die Chance, neue Zielgruppen anzusprechen. Chamblee verwies darauf, dass schon heute viele neue Konzepte im Golfbereich vorhanden und auf dem Vormarsch seien. Beispielhaft nannte er moderne Rangesysteme, Simulatoren, Stadion-Konzepte wie Nextlinks und virtuelles Golf. Die Generation der Smartphone-Nutzer und Kryptowährungs-Fans werde das Spiel verändern, weil sie einen anderen Lebensstil habe. Kann warb dafür, Golfanlagen nicht nur auf die Tageslicht-Zeit beschränkten. Sie sollten zum Afterwork-Treffpunkt werden. Erfolgreiche Unternehmen, so Kann, würden sich stets mit der Frage beschäftigen „Wie erreichen wir den Kunden von Morgen?“, das müsse auch im Golfsport gelten. Auch die Bedeutung moderner Medien werde längst noch nicht überall realisiert – obwohl in den USA Kinder und Jugendliche durchschnittlich auf sieben Social Media-Plattformen unterwegs seien. Pizá zeigte am Beispiel seines Projekts „The Pit“, wie man Golferlebnisse definieren könne, die sich für das Story Telling in Sozialen Medien eigneten – und betonte, dass auch traditionelle 18-Löcher-Plätze selbstverständlich Geschichten erzählen könnten, man müsse diese jedoch definieren und kommunizieren. Aus seiner Sicht ist ein klassischer Golfplatz wie ein Buch in 18 Kapiteln. Dabei könne es nicht nur 18 Höhepunkte geben, sondern man brauche auch Ruhephasen. Golf sei eine fantastische Mischung aus Wissenschaft (Bewässerung, Grassorten und mehr), Kunst (Design) und Einbindung in die Natur. Letztlich seien Golfplätze die einzigen Kunstwerke, die man begehen und nutzen könne.

 

Chamblee betonte, dass er keine dritte Karriere als Golfplatzarchitekt anstrebe. Aber durch die Auseinandersetzung mit Golfplatzarchitektur könne man sehr viel über das Spiel lernen. Seine Vision: Mit seinem Geschäftspartner Pizá möchte er die anstehenden Veränderungen aktiv mitgestalten. Golfplatzarchitektur sei eben weit mehr, als das Anlegen von Grüns oder Bunkern. Seine Analysen und die Aus-einandersetzung mit Golfplatzarchitektur hätten zu einem tieferen Verständnis vieler Golfanlagen geführt – so würde er erst heute die Ideen von Pete Dye wirklich verstehen und seine Anlagen schätzen. Auch künftig werde es das traditionelle Golf geben – aber der Sport entwickele sich weiter und werde neue Facetten umfassen. Sein Kollege Pizá betonte schmunzelnd, dass viele Golfer die Qualität eines Platzes vom eigenen Score ableiten würden: Spiele man gut, sei der Platz toll, spiele man schlecht, läge es natürlich am Design. Architektur erfordere Leidenschaft und eine langfristige Sicht. Golf sei „Design by Nature“ – und ein sehr komplexes Gesamterlebnis.

 

Fazit

Nimmt man Know-how und Leidenschaft des Duos Pizá Chamblee als Maßstab, wird man in den kommenden Jahren noch viele Innovationen der beiden Golf-En-thusiasten erleben dürfen – sowohl bei traditionellen Golfplätzen als auch bei modernen Mehrzweck-Konzepten und innovativen Ansätzen wie Nextlinks.

 

Autor: Michael Althoff / golfmanager 1/2022

 

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