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Golfspektakel unterm Hallendach

Mögen die Spiele beginnen

Trotz Rückschlags: Mit der innovativen Golfliga TGL heben Tiger Woods und Rory McIlroy das Spiel im Elitebereich auf den Level modernen Entertainments.

Tiger Woods und Rory McIlroy läuten eine neue Ära im Profigolf der Herren ein. TGL heißt das Projekt der Superstars, aufgedröselt Tomorrow Golf League oder Team Golf League. Sechs Mannschaften à drei Akteure treten in einer eigens erbauten Arena in Palm Beach Gardens/Florida zu einer besonderen Art von Turniergolf an: Drives und längere Schläge werden in einem überdimensionalen Golfsimulator absolviert; fürs kurze Spiel wechseln die Matadore auf einen Parcours im Innenraum.

Traglufthülle kollabiert, Premiere nun erst 2025

Ab 09. Januar 2024 sollten die Bälle fliegen. Kurz vor Drucklegung des golfmanager gab es allerdings Bad News: Bei finalen Arbeiten an der Traglufthalle fiel eine temporäre Stromversorgung für das Luftdrucksystem aus, Teile der Dachkonstruktion kollabierten, der Zeitplan geriet in Gefahr. Schließlich wurde die Premierensaison um ein Jahr verschoben.

Es ist ein herber Rückschlag für die mit viel Tamtam vorbereitete TGL, bei der die Crème der PGA Tour an den Start geht – samt Woods und McIlroy, die mit dem Event- und Medienunternehmen TMRW Sports hinter diesem innovativen Konzept stehen. Wegen der Nachfrage aus dem Profilager war das Feld sogar von 18 auf 24 Teilnehmer erweitert worden, alle aus den Top-50 der Welt, darunter elf Majorsieger. Das eröffnet den Spielern terminliche Freiräume, die Teams können bei den Aufstellungen rotieren.

24 der Top-50 duellieren sich zu bester Fernsehzeit

Nun duelliert man sich also erstmals im Januar 2025: 15 Spieltage plus Play-off und Finale sind bis April angesetzt. 2.000 Zuschauer werden live dabei sein. Zudem verfolgen Kameras des TV-Senders ESPN das jeweils rund zweistündige Happening, das meist montags zu bester Fernsehzeit inszeniert wird.

Freilich, die TGL ist keineswegs bloß irgendein neues Fun-Format am normalerweise golflosen Wochenbeginn. Woods und McIlroy haben vielmehr die Zeichen der Zeit erkannt und nehmen die Zukunft des Spiels selbst in die Hand: Die Freizeitgesellschaft 4.0 ist durch ermüdende Zählspielwettbewerbe über vier Tage kaum noch abzuholen, sofern denen nicht der Nimbus der Besonderheit eines Majors oder andere Bedeutsamkeit anhaftet. Der Spaß-fokussierte moderne Mensch flattert von Erlebnisblüte zu Erlebnisblüte: hier ein wenig Thrill, da etwas Amüsement, dort ein bisschen Action. Im Sport bedeutet das: Schweiß, Tränen, Mühsal, Duelle Aug‘ um Aug‘, Krawumm, viel Rauch und Donnerhall – selbst um nichts. Kurz: Es braucht Spektakulum.

Tribünenrummel, Show, Gaudi und Tailgating

Also folgen Woods und McIlroy dem landauf, landab reüssierenden Trend zur Gamification des Golfsports, der sich durch die Eröffnung immer neuer Indooranlagen und die stete Aufwertung von Driving-Ranges mit ­Analyse-Systemen manifestiert, und hieven auch das Spiel im Elitebereich auf den Level modernen Entertainments. „Golf remixed“ nennen sie das. Etwas halbwegs Vergleichbares hat es vor Jahren gegeben, als Schlägergigant Callaway das Stadion der San Diego Padres zur Baseball-Off-Season in die Links At PetCo Park verwandelte: Golf goes Südkurve. Das passt mehr denn je zum Zeitgeist.

Die TGL-Spieltage werden Hightech-Events mit Kolosseum-Charakter, Zielschießen, Licht- und Show-Effekten wie in der NBA, der National Basketball Association. Mit Rummel und Tribünenstimmung wie bei der Phoenix Open in Scottsdale an der 16, dem Partyloch. Mit Tailgating wie beim American Football rund um die NFL-Stadien. Ein Zirkus, und mittendrin das Triple-A-Personal der Tour als Gladiatoren. „Wir versuchen, mit Traditionen zu brechen und das Spiel ins 21. Jahrhundert zu bringen“, sagt Rory McIlroy, der darauf verweist, dass 2023 mehr Golf in Simulatoren als auf echten Plätzen gespielt worden sei. „Es ist eine ganz andere Art von Golf; nicht der traditionelle Sport, den man Woche für Woche sieht.“

LIV Golf League mit ähnlicher Vision

Einer ähnlichen Vision folgen übrigens die LIV Golf League und ihr Impresario Greg Norman mit dem Credo „Golf. But Louder“. Man warb der PGA Tour dafür mit horrenden Garantiegagen etliche Aushängeschilder ab, orchestrierte den Konkurrenz-Circuit indes als 54-Löcher-Modus für 48 Akteure, mit Kanonenstart, aber ohne Cut, und muss sich seither als Operettenliga schmähen lassen.

Zu allem Überdruss will das eigentlich als revolutionär gepriesene und von den Profiligen der populären US-Mannschaftssportarten abgekupferte Franchisekonzept nicht so recht zünden. Bis zur Stunde haben sich weder zahlungskräftige Investoren, Teameigner oder namhafte Sponsoren und Ausrüstungspartner eingestellt noch signifikante Merchandising-Einnahmen ergeben. LIV Golf hängt nach wie vor am Tropf des saudiarabischen Staatsfonds PIF (Public Investment Fund) und ist ein Spielball von dessen golfverrücktem Direktor Yasir Al-Rumayyan.

So geht Liga: Stars investieren massiv

Woods und McIlroy hingegen zeigen: So geht Liga. Die beiden haben sich mit dem einstigen Medienmanager Mike McCarley zusammengetan, der mal Präsident der NBC Sports Group war und unter anderem im Vorstand der Arnold & Winnie Palmer-Stiftung sowie der National Golf Foundation sitzt. Nach zweijähriger Vorbereitungszeit unter vollständigem Ausschluss der Öffentlichkeit, präsentierten sie im August 2022 ihre Firma TMRW Sports, gesprochen: Tomorrow Sports, und kurz darauf deren ersten Ableger TGL – in Kooperation und unter Beteiligung der PGA Tour. Dass es überhaupt so lang dauerte, war vor allem Woods’ verletzungs- und rehabilitationsbedingten Auszeiten geschuldet.

Dafür stellte das Trio das Projekt binnen eines Jahres auf eine solide finanzielle Basis, ohne Abhängigkeit von der Alimentierung nach Gutdünken eines einzelnen Gönners, vom faustischen Pakt mit einer sinistren Monarchie, vom Seelenverkauf an die Profilierungssucht eines Regimes. „Es war von Beginn an unser Plan, die Besten der Besten für unsere Idee zu gewinnen und mit ihnen zusammenzuarbeiten“, betonte Mike McCarley seinerzeit. Und so liest sich das Aufgebot an Investoren wie ein Who’s Who aus Sport, Showbiz und Wirtschaftswelt – nicht zuletzt wegen der Strahlkraft von Woods und McIlroy als Galionsfiguren des Golfestablishments.

VIPs und Magnaten aus dem Sportbusiness

Als da sind: der siebenfache Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton und die Rennfahrerkollegen Lando Norris, Carlos Sainz, Mark Webber; aus dem Fußballbereich der Golfnerd Gareth Bale und die US-Weltmeisterin Alex Morgan; Tennis-Diva Serena Williams und Racket-Held Andy Murray; Eishockeystar Sidney Crosby, die Basketball-Asse Stephen Curry und Andre Iguodala; die American-Football-Größen Josh Allen, Larry Fitzgerald und Tony Romo; nicht zuletzt der Pop- und Filmstar Justin Timberlake.

Außerdem dabei: Wirtschaftsmagnaten wie der Baumärkte-Milliardär Arthur Blank, Eigner des NFL-Teams Atlanta Falcons und der Kette PGA Tour Superstore; John Henry, Inhaber der Fenway Sports Group und damit Besitzer des Baseballteams Boston Red Sox, der Eishockeymannschaft Pittsburgh Penguins sowie des Premier-League-Fußballclubs FC Liverpool. Oder die bestens vernetzte graue Golf-Eminenz Jimmy Dunne. Der Wallstreet-Finanzmakler und Präsident des exklusiven Seminole Golf Club ist ein ausgewiesener Strippenzieher, zudem mit McIlroy gut befreundet. „Dealmaker“ Dunne hatte pikanterweise auch den derzeit in Ausgestaltung befindlichen Pakt zwischen PIF und PGA Tour eingefädelt.

Teampatronate durch Wirtschaftspartner

„Tiger, Rory und ich schätzen die Unterstützung dieses unvergleichlichen Teams von Investoren, Beratern und Botschaftern und ihren Glauben an unsere Vision, durch die Nutzung von Technologie fortschrittliche Ansätze für den Sport schaffen zu können“, sagt McCarley zu diesem Aufgebot, aus dem sich letztlich auch jene sechs Formationen gebildet haben, die das Patronat für ein Team übernehmen.

Alexis Ohanian beispielsweise, Ehemann von Serena Williams und Gründer des sozialen Netzwerks Reddit, hat den Los Angeles Golf Club (LAGC) ins Leben gerufen und frohlockt: „Los Angeles ist die perfekte Heimat für unser TGL-Team. Diese Stadt verkörpert den Schnittpunkt von Sport, Technologie und Unterhaltung und ist damit eine ideale Kulisse für die Innovation und die Spannung, die wir in die Welt des Golfsports und zu den Fans bringen wollen.“ Der Handel mit Fanartikeln floriert bereits prächtig – erst recht, seitdem Golf-Postergirl Michelle Wie West, die schon als Investorin engagierte Damenfußball-Ikone Alex Morgan und Basketball-Star Giannis Antetokounmpo sowie drei seiner Brüder beim LAGC eingestiegen sind.

Promis greifen gewiss selbst zum Schläger

John Henry und Arthur Blank haben es Ohanian gleichgetan und Boston Common Golf beziehungsweise den Atlanta Drive GC begründet. Ein weiterer Teampatron ist Hedgefonds-Manager Steven A. Cohen, geschätztes Vermögen 19,3 Milliarden Dollar; ihm gehört neben einer veritablen Kunstsammlung das Baseballensemble New York Mets. Es ist zu erwarten, dass sich TGL NY bald noch Prominenz aus dem Big Apple anschließt.

In San Francisco wiederum hat sich Korbjäger Curry mit dem milliardenschweren Finanzmagnaten Marc Lasry verbündet, der den Kaufpreis für ein TGL-Team so beziffert: „Weniger als 100 Millionen Dollar, aber mehr als 25 Millionen“. Die sechste und letzte Equipe ist offiziell in Florida beheimatet und heißt Jupiter Links Golf Club – benannt nach dem Wohnort von Tiger Woods, der gemeinsam mit dem Kapitalmanager David Blitzer als Eigentümer auftritt und sich zudem gleich als ersten Spieler für Jupiter verpflichtet hat.

Sicherlich werden eine Menge der genannten VIPs im Rahmenprogramm der TLG-Spieltage mal persönlich zum Schläger greifen. Ohanian-Gattin Serena Williams und die sechsjährige Tochter Alexis jedenfalls üben bereits fleißig.

Per Virtual-Reality-Videoclip haben die TGL-Macher angedeutet, was Promis wie Profis im künftigen SoFi Center erwartet, dessen Name sich vom Finanzdienstleister SoFi als Presenter der Stadionsause herleitet. „Alles ist größer, als ich erwartet habe. Das macht es noch besser“, schwärmte beispielsweise Justin Thomas. „Mit herkömmlichen Simulatoren hat das nichts zu tun. Wir werden rund 35 Meter von der Leinwand entfernt sein, die wiederum wird gut 18 Meter breit und 12 Meter hoch sein.“

Technik von Full Swing, Parcours von Popstroke

Die Technik für die Weitenjagd stammt von Full Swing, einem der Big Player im Geschäft mit der Golfsimulation; die Gestaltung des Kurzspielbereichs im Innenraum wird wahrscheinlich Popstroke übernehmen – immerhin ist Tiger Woods Teilhaber und verantwortet bereits das Design etlicher aufregender Minigolfkomplexe des unter dem Motto „Eat. Putt. Drink“ expandierenden Unternehmens.

Ach ja, das Geschehen wird auf riesige Monitore in der Halle übertragen, Laufbänder zeigen Resultate, Schlaganalysedaten und Scores, die Akteure sind verkabelt und tragen Mikrofone. Kurzweil dürfte gewährleistet sein. Und der nach wie vor gehbehinderte GOAT (Greatest Of All Time) Tiger Woods kann seine Golfkünste zelebrieren und die ihm eigene „Genialität aufblitzen lassen“ (McIlroy), ohne sich weite Wege über Fairways und das Auf und Ab von Golfplätzen antun zu müssen. Wenn die NFL ihre reguläre Saison beendet und endgültig mit den Play-offs begonnen hat, geht es bei TGL los: Mögen die Spiele beginnen.

Die TGL-Teilnehmer: Tiger Woods und Rory McIlroy als Veranstalter, Keegan Bradley, Patrick Cantlay, Wyndham Clark, Matt Fitzpatrick, Tommy Fleetwood, Rickie Fowler, Lucas Glover, Tyrrell Hatton, Max Homa, Billy Horschel, Tom Kim, Kevin Kisner, Min Woo Lee, Shane Lowry, Collin Morikawa, Justin Rose, Xander Schauffele, Adam Scott, Sahith Theegala, Justin Thomas, Cameron Young. Nr. 24 ist neu zu berufen, nachdem Jon Rahm zwischenzeitlich aus organisatorischen Gründen abgesagt hat.

Autor: Michael F. Basche | golfmanager 02/2024