Die Entschleunigung des Golfsports

Hickory Golf als Marketinginstrument

Franz Beckenbauer, die gern zitierte Lichtgestalt des deutschen Fußballs, beschrieb den Ball der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 einst wie folgt: „Der WM-Ball ist ja kein Lederball mehr, sondern eine Mischung aus Marsstaub, Mondstaub, Gold und Platin.“ Auch ein Blick auf die vielschichtigen Werbeaussagen der Golfausrüster, sowohl bei Schlägern, als auch bei Bällen, zeigt: modernes Golf ist High-Tech. Auch in der Automobilindustrie wurden in den letzten Jahrzehnten neue Fertigungstechniken entwickelt und mit neuen Materialien Autos entwickelt, deren Innenraum teils an das Cockpit moderner Flugzeuge erinnert. Doch bei den Automobilisten gibt es auch Anhänger der traditionellen Fahrzeuge: Oldtimer-Treffen sind beliebte und gut besuchte Events, Klassiker wie die Mille Miglia ein alljährlich wiederkehrendes Ereignis mit regem Interesse bei Teilnehmern, Publikum und Medien. Was dem Autofan sein Oldtimer, ist dem Golf-Afficionado sein Hickory Golf. „Back to the roots“ lautet hier das Motto, man könnte fast schon von einer „Entschleunigung des Golfsports“ sprechen.

 

Tradition als Event

Auch im Golfsport gibt es eine wachsende Gemeinde an historisch interessierten Spielern. Kein Wunder, dass sich Hickory Golf zunehmender Beliebtheit erfreut. Denn in kaum einer anderen Sportart ist es möglich, mit altem oder den alten Modellen nachgebauten Schlägern und Bällen (Replica) den Ursprüngen einer Sportart so nahe zu kommen wie beim Golfen. Und interessanterweise erfreut sich Hickory Golf auch bei vielen Zuschauern wachsenden Interesses, da sich viele Teilnehmer nicht nur mit historischem Equipment ausrüsten, sondern auch entsprechend kleiden.

Der Name Hickory Golf leitet sich übrigens nicht von den Schlägerköpfen ab, obwohl hier der Ursprung des Begriffs Holz liegt und Eisenschläger damals längst nicht so oft im Einsatz waren wie heute. Die Bezeichnung Hickory weist auf den Schlägerschaft hin: Dieser ist aus dem Holz des Hickorybaumes gefertigt. Natürlich könnte man theoretisch diese Schäfte auch mit modernen Schlägerköpfen verbinden, doch das „echte Hickory Feeling“ bedeutet, dass man auch auf die Schlägerköpfe aus der damaligen Zeit oder zumindest auf Nachbauten dieser Modelle zurückgreift.

In unmittelbarer Nähe zum historischen Old Course werden in der St. Andrews Golf Company neuwertige Hickory-Schläger produziert, ganz wie zu Gründerzeiten des Unternehmens 1881.
Stadien der Produktion eines Hickory-Schlägerkopfes
Fertige Hickory-Hölzer – Handmade in St. Andrews
Jeder Schläger ein Unikat: Hickory-­Putter – zum Spielen fast zu schade

Auch beim Ball wird meist auf Tradition gesetzt: Zwar kommen nicht mehr die alten Featheries, mit Federn von Hand gestopfte Bälle, zum Einsatz, aber Guttys (Golfbälle aus Guttapercha) oder zumindest neuere Golfbälle im Design der damaligen Zeit kommen regelmäßig zum Einsatz. Natürlich kann man grundsätzlich auch mit modernen Golfbällen spielen, es geht hier eher um historische Exaktheit denn um Spielbarkeit. Tests eines Schlägerherstellers haben übrigens gezeigt, dass man auch mit Hickory-Schlägern in Verbindung mit modernen High-Tech-Golfbällen beachtliche Längen erzielen kann.

Der Rohling eines Eisens ...
… und seine Endform
Passend zu den historischen Schlägern gibt es natürlich auch Bälle im old Style.

Die richtige Ausrüstung

Für den Club stellt sich zunächst die Frage, ob er selbst Hickory-Equipment bereitstellen möchte oder ob dieses von den Teilnehmern mitgebracht werden soll. Ganz klar: Wird das Equipment gestellt, ist die Chance auf höhere Teilnehmerzahlen größer, die Vorabinvestition für den Club jedoch auch. Der älteste, heute noch spielbare Golfplatz in Musselburgh, Schottland, bietet Mitgliedern wie Gästen gleichermaßen die Möglichkeit, Hickory-Schläger beim Club zu leihen und so eine Runde ganz im Stil der schottischen Golftradition zu spielen.

 

Gleich ob Club oder Privatperson: Es gibt verschiedene Wege, sich Hickory-Equipment zu beschaffen. Die wichtigste Frage ist natürlich: Soll es historisches Material sein oder kommen auch Nachbauten in Frage? Puristen werden sich eher für authentisches Material entscheiden – das man tatsächlich auch aus dem Bestand von renommierten Golfern der Britischen Inseln aus dem 19. Jahrhundert erwerben kann. Doch wie bei Oldtimern gilt: Je historisch wertvoller, desto teurer – und so stellt sich schnell die Frage, ob man mit diesen edlen Sammlerstücken überhaupt auf die Runde gehen möchte. Doch auch Alltagsmodelle der damaligen Zeit werden noch heute gehandelt. Im Internet gibt es einige Plattformen, die Hickory-Schläger anbieten. Und natürlich kann man im Mutterland des Golfs in Schottland in verschiedenen Shops alte Golfausrüstungen erwerben. Auch Ebay wird von vielen Hickory-Fans immer wieder als Einkaufsquelle genutzt. Diese Bezugsquellen eignen sich jedoch eher für Spieler, die sich ein eigenes Hickory-Set zulegen möchten.

 

Für Clubs wäre es recht aufwändig, auf diese Weise mehrere gleichwertige Sets zusammenzutragen. Die Alternative: Man erwirbt neuwertiges Equipment. Dies ist sogar direkt ab Hersteller möglich. Angeboten werden diese Schlägerarten sowohl von europäischen als auch US-amerikanischen Unternehmen. Für Einkäufe in Europa bietet sich die St. Andrews Golf Company in St. Andrews, rund 10 Autominuten vom Old Course entfernt, an. Diese 1881 gegründete Schlägerfabrik ist die älteste durchgehend betriebene Schlägerfabrikation im Home of Golf. Auch heute noch werden Golfschläger ganz im Stil der Tradition des Golfs hergestellt, das Sortiment umfasst aber auch moderne Schläger. Wenn Ihr Club demnächst eine Reise nach Schottland plant, sollten Sie unbedingt einen Besuch in der Fabrik einplanen – hier können Sie quasi live miterleben, wie ein Oldtimer neu ab Werk gefertigt wird. Besichtigungen sind jederzeit nach vorheriger Anmeldung möglich (http://standrewsgolfco.com). Dabei erleben interessierte Golfer und Nichtgolfer den gesamten Herstellungsprozess, angefangen vom Fräsen der Holzköpfe über das Schleifen und Polieren der Eisen bis hin zum Finish der Schlägerköpfe und der Hickory-Schaftmontage. Selbstverständlich bietet das Unternehmen auch passende Bälle für das Traditionsgolf an. Vor allem Clubmanager aus Nordrhein-Westfalen haben das Unternehmen vielleicht schon kennengelernt: Auf der diesjährigen Rheingolf-Messe waren sie erstmals als Aussteller vor Ort.

 

Eine andere Bezugsquelle ist der Schweizer Verein Swiss Hickory Golf. Er wurde selbstverständlich in St. Andrews gegründet und hat sich ganz dem traditionellen Golf verschrieben (www.swisshickorygolf.ch/shop). Im Onlineshop können Interessierte sowohl altes Original-Equipment, als auch Replica erwerben.

 

Knickerbocker und Schiebermütze

Sehr oft wird bei Hickory-Turnieren auch auf zeitgemäße Kleidung Wert gelegt. Dies ist sicherlich keine unabdingbare Voraussetzung, wenn man ein Hickory-Turnier im eigenen Club durchführt – schließlich gehört die damals übliche Kleidung heute nicht mehr zum Standard-Repertoire der modernen Ausrüster. Trotzdem verleiht die passende Kleidung (man kennt dies von Oldtimer-Treffen im Automobilsektor) dem Event den passenden Rahmen. Daher sollten zumindest die Organisatoren möglichst passende Kleidung wählen. Man kann hier entweder auf Bekleidungsportalen im Internet und bei Ebay fündig werden, aber natürlich auch auf Flohmärkten. Wer lieber neue Kleidung im Stil der alten Zeit bevorzugt, kann diese beispielsweise auch über das Portal von Swiss Hickory Golf erwerben.

 

Hickory Golf – eine Lücke im Eventkalender?

Seit einigen Jahren findet Hickory Golf in Deutschland verstärkte Aufmerksamkeit. Unter der Schirmherrschaft der European Association of Golf Historians & Collectors (EAGHC) wird seit 2009 das German Hickory Championship ausgetragen. Bisherige Veranstaltungsorte waren Bad Wildungen sowie Wentorf-Reinbek (nahe Hamburg). Die Versuche des Herzoglichen Golfclubs Oberhof, die Anlage vor allem für Hickory Golf wiederzubeleben, scheinen hingegen bisher nicht von Erfolg gekrönt zu sein. Vor allem für erfahrene, gute Golfer stellt Hickory Golf eine besondere Herausforderung dar. Ursache ist, dass Hickory-Schläger deutlich weniger fehlerverzeihend sind als moderne Golfschläger.

 

Die Haupthürde auf dem Weg zu einem eigenen Hickory-Turnier stellt üblicherweise das Equipment dar. Golfanlagen, welche ein Hickory-Event erwägen, sollten daher beispielsweise Leihmöglichkeiten prüfen oder untereinander kooperieren und die Ausrüstung gemeinsam anschaffen. Vor allem Golfanlagen mit großer eigener Golftradition, aber auch moderne Golfanlagen sind für Hickory-Events geeignet. Oft kann zusätzliches Interesse geweckt werden, wenn man vor Durchführung des Events eine Art Demotag durchführt, bei dem die Clubmitglieder einen ersten Kontakt zu dieser doch ungewohnten Ausrüstung bekommen. Auch beim Rahmenprogramm bieten sich zahlreiche Möglichkeiten, um das Thema „Historie trifft Moderne“ aufzunehmen. Menüs in der Gastronomie aus der damaligen Zeit sind ebenso denkbar wie Kutschfahrten rund um das Clubgelände. Und auch im Rahmen eines Golf-Erlebnistages kann Hickory Golf gut integriert werden: Dann weniger als Wettbewerb für Neugolfer, sondern eher als Vorführung, um die Entwicklung des Golfsports auf lebendige Weise zu veranschaulichen.

 

Alternativ können Sie in Ihrem Club auch für alle Mitarbeiter und ehrenamtlichen Funktionsträger als Belohnung ein Hickory-Event organisieren. Und vielleicht gibt es ja auch einmal eine GMVD-Hickory-Meisterschaft – wer weiß?! Die Möglichkeiten sind äußerst vielfältig und sprechen vor allem engagierte und erfahrene Golfer an. Auch die Medien reagieren meist sehr positiv auf diese nicht alltäglichen Turniere und berichten gerne darüber. Nutzen Sie diese Ansätze zur Ausweitung Ihres Leistungsangebots und zur Kundenbindung und -gewinnung.

 

Autor: Michael Althoff | golfmanager 04/2015

 

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