Katastrophe oder „halb so wild“

Extremsommer 2018 – im Gespräch mit Golfplatzpflege-Experten

Bei den Golfplatzbesuchen der letzten Wochen, auch bei den Turnierübertragungen im TV und nicht zuletzt in den Medien wurde die Trockenheit auf den europäischen Golfanlagen thematisiert. Wir befragten Beate Licht, Leiterin DGV-Arbeitskreis IPS, sowie Dr. Harald Nonn, Vorsitzender der Deutschen Rasengesellschaft (DRG).

 

? Tun Ihnen beiden als Rasen-Experten die Bilder von teilweise vertrockneten Rasenflächen, vom Fairway bis zum Hausgarten, nicht weh?

 

! HN: Natürlich war der Anblick für alle, die sich mit der Platzpflege beschäftigen, nicht schön. Wobei es in Deutschland regional und auch kleinräumig große Unterschiede gab. Die hohen Temperaturen waren flächendeckend, bei den Niederschlägen gab es jedoch innerhalb weniger Kilometer Entfernung durchaus große Differenzen. Am stärksten betroffen sind die Anlagen, in denen über mehrere Wochen kein Regen gefallen ist. Nicht selten waren auch die Beregnungsanlagen überfordert oder die Wasserreserven erschöpft. Aufgrund der nachweislich zunehmenden Wetterextreme werden wir diese Situationen in Zukunft häufiger erleben.

 

BL: Tja, wo Licht ist, ist auch Schatten. Alle freuten sich über den Extremsommer, es herrschten in großen Teilen Deutschlands Verhältnisse, wie wir sie sonst eher aus Spanien oder Südfrankreich kennen. Laut der vorläufigen Sommerbilanz des Deutschen Wetterdienstes für NRW lagen mit 19,3 Grad die Durchschnittswerte um drei Grad über dem langjährigen Mittel. Ausschlaggebend für den Zustand vieler Rasenflächen war jedoch die örtlich durchgängige Trockenheit, zudem häufig verbunden mit austrocknendem Wind. Fest steht, unsere Witterung wird zunehmend geprägt von Witterungsextremen. Aus 2017 bleibt das zweite Halbjahr in Erinnerung, es herrschte ein anhaltend hoher Krankheitsdruck, bedingt durch hohe Luftfeuchtigkeit und Nässe.

? Bedeuten die bräunlich-gelben Flächen auf den Fairways, dass dort die Pflanzen abgestorben sind, oder steht zu erwarten, dass sich bei entsprechend geänderten Bedingungen und/oder Bewässerung das Grün wieder einstellt?

 

! BL: Das kann so nicht pauschal beantwortet werden. Es handelt sich hierbei, wie so oft um ein Zusammenspiel verschiedener abiotischer Faktoren.

 

Ausschlaggebend ist zum einen, wie setzt sich der geschädigte Pflanzenbestand zusammen, die Grasart bestimmt auch das Regenerationsvermögen. Zum anderen kommt hier aber noch ein anderer, wichtiger Aspekt ins Spiel: In welchem Zustand befanden sich die Flächen vor dem Eintreten der Hitzeperiode. Spielbahnen sind teilweise die Stiefkinder, häufig fehlt es an einem nachhaltigen Pflegemanagement, hinsichtlich mechanischer Pflege, Beregnung, Düngung und Nachsaat.

 

Ein Hauptproblem sehe ich in dem Zusammenhang auch im Rasenfilz, der zum einen bei Nässe wie ein Schwamm Wasser speichert, aber zum anderen auch, wenn er einmal austrocknet, sich nur schwer wieder befeuchten lässt.

 

? Wenn ich an der Stelle einhaken darf: Es gibt Grasarten, die sich für längere Trockenperioden besonders eignen?

 

! HN: Unsere Gräserarten bringen auf Basis ihrer genetischen Veranlagungen unterschiedliche Trocken- und Hitzetoleranz mit. So hilft zum Beispiel die Ausbildung einer Wachsschicht auf den Blättern, weniger Wasser in die Atmosphäre abzugeben. Entscheidend ist jedoch ein tiefreichendes und intensives Wurzelwerk. Flachwurzler, wie beispielsweise die Jährige oder Gemeine Rispe, kommen schnell an ihre Grenzen. Die von Natur aus tiefer wurzelnden Gräser Wiesenrispe, Rotschwingel, Weidelgras oder Rohrschwingel, können diesen Vorteil aber nur nutzen, wenn sie ausreichend Wurzelraum zur Verfügung haben. Flachgründige, verdichtete Fairways machen diesen Vorteil jedoch zunichte.

? Warum werden diese Grasarten dann nicht generell für Golfplätze verwendet, schließlich könnte man so in der ganzjährigen Platzpflege doch Wasser im Sinne der Nachhaltigkeit sparen?

 

! HN: Je nach Spielelement und Anforderung verwenden wir spezielle Grasarten, teils in Reinkultur wie zum Beispiel Flechtstraußgras auf den Greens, teils als Mischung. Die Mischungen zielen darauf ab, eine möglichst optimale Kombination der Gräsereigenschaften zu erreichen. So bevorzugt Rotschwingel sandige Böden, lehmige Böden mag er weniger. Weidelgras und Wiesenrispe verhalten sich entgegengesetzt. Je nach Boden und anderen Standortbedingungen verschieben sich somit die Mischungsanteile im Bestand. Einen Alleskönner oder die Eier-legende-Wollmilchsau gibt es auch bei Gräsern nicht. Als mindestens genauso wichtig wie die Gräserarten sind aber auch die notwendigen Pflegemaßnahmen zu sehen. Hier vor allem die Kontrolle der organischen Substanz und eine ausreichende Bodenbelüftung und -lockerung.

 

BL: In der derzeitigen Situation warne ich aus diesem Grund vor voreiligen Schlüssen. Unabhängig vom Standort und dem derzeitigen Pflegekonzept, sein Heil in einer vordergründig viel versprechenden Grasart zu sehen, kann nicht funktionieren. Das ist, was hinter dem Zauberwort „standortgerechte Auswahl“ steht.

 

? Auf was können/müssen Greenkeeper achten bei der Pflege in solchen Perio­den?

! HN: Beim Thema Rasenfilz kommt der zurzeit häufig genannte Rotschwingel wieder ins Spiel. Eine Trockenperiode bringt ihn zwar nicht direkt um, er sieht aber relativ schnell unansehnlich aus. Zudem produziert er viel schwer abbaubaren Filz, der deutlich mehr mechanische Bearbeitung erfordert. Einige Betroffene denken auch über die Verwendung von Rohrschwingel oder gar warm season grasses nach. Rohrschwingel ist ein sehr grobes Gras, das mit zunehmendem Alter auch den Charakter eines Ungrases annehmen kann. Warm season grasses sind in unserem Klimaraum wegen ihrer ausgeprägten Winterdormanz nicht salonfähig.

 

? Aktuell sehen die Fairways vielerorts aus, wie wir sie derzeit erleben. Was ist jetzt zu tun?

 

! BL: An erster Stelle steht die platzeigene Istanalyse, die Diagnose, um den eigentlichen Ursachen auf den Grund zu gehen. Sind diese grundlegender Natur, so müssen sie in Angriff genommen werden. Hierbei handelt es sich in den wenigsten Fällen um einmalige Maßnahmen, die dann eine durchgreifende Verbesserung bewirken.

Ungünstige Bodenverhältnisse, Filzreduzierung und Optimierung des Grasbestandes erfordern einen aufeinander abgestimmten Maßnahmenkatalog, der dann auch konsequent eingehalten werden sollte. Auf der anderen Seite muss eine Abstimmung in Bezug auf Budget und benötigte Arbeitszeit erfolgen.

 

Regelmäßige mechanische Pflegemaßnahmen verbessern die Qualität der Fairways aber auch im Hinblick auf die eingeschränkte Herbizidverfügbarkeit.


Auf einigen Anlagen werden unmittelbare Regenerationsmaßnahmen nötig sein, wie eine Nachsaat.


HN: Nachsaaten sind die Grundlage für einen dichten Gräserbestand und auch für eine Verbesserung der Bestandseigenschaften. Sie sollten aber keine Einzelaktion sein, sondern kontinuierlich in den Pflegeplan und ins Budget eingeplant werden.

 

? Kann man vorbeugend etwas auf den Golfanlagen tun, ich denke, man kann davon ausgehen, dass sich solche Extremsommer wiederholen werden?

 

! BL: Wie gesagt, systematische Filzbekämpfung, nicht allein auf den Grüns, sondern auch ein „Fairwayprogramm“ entwickeln.


Zudem gilt es, nicht nur im Winter, sondern auch im Sommer das Thema Nutzung und Belastung durch den Spielbetrieb mit ins Boot zu nehmen. Der Deutsche Golf Verband informiert seine Mitglieder bereits zum Thema „Spielbetrieb im Winter“, unter dem Eindruck von 2018 werden zukünftig auch im Hinblick auf extreme Hitze- oder Trockenperiode Hilfestellungen benötigt. So kann es durch den Einsatz von Carts und selbst Trolleys zu Schäden kommen, was den wenigsten Golfern bewusst ist. 


Folgen des Befahrens trockener Fairways

Wie auf den Fotos gut zu erkennen, führt ein Befahren trockener Fairways, in diesem Fall unabhängig vom Bodenzustand, zu einer Zerstörung der Blattmasse und sogar des Vegetationspunktes.


Übrigens, nicht nur die Grasbestände haben gelitten, sondern auch die Bäume. Interessant, auch für Golfanlagen, ist hier ein Bewässerungssystem, das ursprünglich aus Amerika kommt. Gerade Neuanpflanzungen können so effizient mit Wasser versorgt werden.

In diesem Zusammenhang muss auch ein Phänomen erwähnt werden, mit dem einige Golfanlagen zum ersten Mal konfrontiert wurden, der „Grünastbruch“.


Bei Hitze und anhaltender Trockenheit verlieren Bäume spontan, ohne jede Vorwarnung, selbst große Äste. Warnungen vor den möglichen Folgen wurden auch von zahlreichen Städten und Kommunen herausgegeben.


Bei den, von diesem Phänomen besonders häufig betroffenen Eichen, kam es in diesem Jahr zudem zu einem starken Befall mit dem Eichenprozessionsspinner. Gefördert durch die warme und trockene Witterung kam es zu einem massiven Auftreten. Zahlreiche Golfanlagen standen und stehen vor dem Problem: Wie schütze ich Spieler und Pflegemannschaft vor den gesundheitlichen Auswirkungen.

 

HN: Die Witterung wird extremer, das ist Fakt. Wir müssen uns hierauf einstellen und die Rasengräser entsprechend vorbereiten. Neben Bodeneigenschaften, Rasenfilz und Gräserarten spielt auch die Nährstoffversorgung während Hitze- und Trockenperioden eine wichtige Rolle. Auf Versuchsflächen zur Nährstoffversorgung konnten wir in den vergangenen Wochen beobachten, dass hungernde Gräser deutlich schneller Totalausfall zeigten. Hunger bedeutet Ungleichgewicht im Stoffwechsel und somit zusätzlichen Stress. Nachweislich können Pflanzenstärkungsmittel die Gräser toleranter gegenüber Stressfaktoren machen.

 

Liebe Frau Licht, lieber Herr Dr. Nonn, vielen Dank für Ihre interessanten Ausführungen, ich nehme für mich mit, dass wir uns wohl damit anfreunden müssen, dass nach einer Phase, in der sich Golfplätze – speziell bei Groß-Events – immer perfekt präsentierten, künftig auch „Schwächen“ zeigen (dürfen). Dass trockene Fairways trotzdem gutes Golf zulassen (bei zugegeben angepasster Spielweise), bewiesen die Medienberichte der British Open 2018.

 

Stand: golfmanager 04/2018

 

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