Rotspitzigkeit (Laetisaria fuciformis)*

Bestimmung von Rasenkrankheiten

Einleitung

Rotspitzigkeit wurde in der Literatur bereits Mitte des 19. Jahrhunderts als Gräserkrankheit beschrieben. Die Krankheit deutet auf geschwächte Gräser durch mangelnde Ernährung hin. Im Wirtschaftsgrünland hat sie nur geringen Einfluss auf Ertrag und Futterwert, im Rasen stellt sie vor allem ein optisches Problem dar, da bei Befall insbesondere die Blattspreiten und nicht die gesamten Graspflanzen geschädigt werden.

 

Schaderreger

Lange Zeit wurde der Schaderreger als Corticium fuciforme bezeichnet. In den achtziger Jahren wurden zwei unterschiedliche Erreger für das Syndrom der Rotspitzigkeit identifiziert. Die eigentliche Rotspitzigkeit bei Rasengräsern wird durch Laetisaria fuciformis (Synonym: L. fuciforme; Isaria fuciforme) hervorgerufen. In der anglo-amerikanischen Literatur wird sie als „Red Threat“ bezeichnet.

Schadbild

Vor allem bei kurzgemähten Rasenflächen werden im Frühsommer und Frühherbst Symptome des Befalls sichtbar. Es zeigen sich ungleichmäßige, rundliche strohig-gelbe Flecken mit zwei bis fünf Zentimeter Durchmesser (Abb. 1 und 2). Bei einem langsamen Gräserwuchs dehnen sich diese Flecken oft schnell aus. Die befallenen Stellen sind mit nicht befallenen Blattspreiten durchsetzt, was zu einem ungleichmäßigen Aussehen führt.

 

Bei feuchter Witterung oder morgendlichem Tau sind deutlich die Namen gebenden roten Strukturen sichtbar, die geweihartig, bis 20 mm lang aus den befallenen Blattspreiten auswachsen. Bei solcher Witterung und gemäßigten Temperaturen wird teilweise auch pinkfarbenes Pilzmyzel sichtbar, das befallene Stellen watteartig bedeckt.

 

Infektionsverlauf

Für den Pilzerreger ungünstige Klimaperioden werden als Sklerotien oder Arthrokonidien in infiziertem Pflanzenmaterial oder im Rasenfilz überdauert. Dabei können sowohl Frost- als auch Hitzeperioden mit einem Temperaturspektrum von -20 °C bis +40 °C, ebenso auch lang anhaltende Trockenperioden überbrückt werden. Die Arthrokonidien (asexuelle Pilzsporen aus Bruchstücken der Pilzhyphen) zeigen unter dem Mikroskop eine typische zylindrische Form und erscheinen durchscheinend (=hyalin) mit einem Durchmesser von 5 bis 15 μm und einer Länge von 10 bis 50 μm (Abb. 5). Bei feuchter Witterung und Temperaturen von 12 bis 25 °C werden die Sklerotien und Arthrokonidien aktiv, keimen, bilden Pilzmyzel und Fruchtkörper (Abb. 3 und 4). Dabei geht die Infektion der Gräser von den Blattspitzen aus und das Myzel arbeitet sich bis zum Blattgrund nach unten. Unter dem Mikroskop können bei Befall sowohl Basidien als auch Basidiosporen identifiziert werden. Besonders häufig wird die Infektion im späten Frühjahr oder auch im Frühherbst sichtbar aber auch in kühl-feuchten Sommern kann eine Infektion ausbrechen.

 

Bei einem Befall werden vor allem Gräser der Arten Lolium perenne, Festuca rubra spec. sowie Agrostis- und Poa-Arten befallen. Bei einem Befall werden aber vorwiegend die Blattspreiten geschädigt, der Vegetationskegel bleibt meist unversehrt.Die Ausbreitung der Krankheit erfolgt über die Arthrokonidien durch Wasserbewegung. Bei trockener Witterung können Arthrokonidien und Sklerotien durch Windverwehung sowie durch mechanische Verschleppung beim Betreten oder bei der Pflege verbreitet werden. Windverwehungen von infiziertem Schnittgut führt zu teilweise sehr hohen Verbreitungsdistanzen. Bei der Verbreitung von Laetisaria fuciformis ist die Bedeutung der Basidiosporen noch nicht geklärt. Eine Übertragung der Krankheit konnte bei Lolium perenne durch das Saatgut nachgewiesen werden. Grundsätzlich kann bei passenden Witterungsbedingungen ein sehr schneller Krankheitsausbruch erfolgen.

 

Begünstigende Faktoren

  • Temperatur von 5 bis 25 °C
  • Anhaltende Feuchtigkeit der Grasnarbe
  • Hohe Luftfeuchtigkeit
  • Langsames Gräserwachstum durch niedere Temperaturen, Lichtmangel, unausgeglichene Ernährung oder auch den Einsatz von Wachstumsregulatoren
  • Schnelle Ausbreitung bei Tau, leichtem Niederschlag oder Nebel
  • Deutliche Filzschicht (Überdauerung der Erreger)
  • Schlechte Wasserabfuhr aus der Vegetationsschicht

 

Durch die weite Temperaturspanne kann bei genügend Feuchtigkeit über die ganze Vegetationsperiode ein Befall mit Laetisaria fuciformis auftreten. Bei Trockenheit wird eine Dormanzphase eingeleitet. Hauptinfektionszeiten sind jedoch Frühjahr und Spätsommer, wobei teilweise erhebliche Schädigungen der Rasennarbe entstehen.

 

Maßnahmen zur Befallsminderung/-vorbeugung

  • Rasenfilz sollte durch Vertikutieren mit Beseitigung des Pflanzenmaterials vermindert werden.
  • Filzbearbeitung führt zur Reduzierung von Arthrokonidien und Sklerotien im Bodenbereich.
  • Sauberer glatter Schnitt beim Mähen (scharfe Messer) reduziert die Entstehung zusätzlicher Eintrittsöffnungen für die Sporen des Krankheitserregers.
  • Beachten Sie Sortenresistenzen bei Neuansaaten (Rotspitzigkeit wird bei der Prüfung des Bundessortenamtes gesondert erfasst). Wenn auch nur geringe Unterschiede in der Anfälligkeit gegen Laetisaria fuciformis beobachtet wurden, kann durch geeignete Sortenwahl der Krankheitsdruck gemindert werden.
  • Beregnungsregime muss angepasst werden, damit die Grasnarbe nicht lang anhaltend feucht bleibt.
  • Tau sollte abgewedelt werden.
  • Aus den USA und Neuseeland werden Erfolge zur Krankheitsminderung durch den Einsatz von Taumitteln und Wetting Agents beschrieben.
  • Natürliche Wachstumsfaktoren, insbesondere die Lichtzufuhr für höhere Photosyntheseleistung zur Regeneration, sollte verbessert werden.
  • Pflanzen sollten ausgewogen ernährt und der Wuchs angeregt werden. Bei ausgebrochener Infektion hilft eine leichte Stickstoffgabe zum Auswachsen der Krankheit. Kalium erhöht die Blattfestigkeit und erschwert das Eindringen des Erregers in die Blattspreiten. Silizium als Blattdüngung stabilisiert die Blattaußenwand. Die Bedeutung anderer Mikronährstoffe ist nicht ausreichend geklärt.
  • Abgetrocknete infizierte Stellen müssen abgebrochen und das Material entsorgt werden.
  • Da durch angepasste Pflege- und Düngungsmaßnahmen die Schadsymptome deutlich eingeschränkt werden können, ist der Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln, auch im Hinblick auf das neue Pflanzenschutzgesetzt und die Gefahr von Resistenzbildungen nicht zu empfehlen.

 

Verwendete und weiterführende Literatur

BÖTTNER, F.: Die wichtigsten Krankheiten der Rasengräser Mitteleuropas unter besonderer Berücksichtigung der Diagnose und Differenzierung im Golfrasen, Diplomarbeit, Universität Hannover, Fachbereich Gartenbau, 1991.

COMPO: Rasenpflege für Profis: Krankheiten, Münster: www.compo-profi.de.

EUROGREEN: Diagnose- und Therapiehandbuch für Rasenkrankheiten.

LATIN, R.: Purdue Extension – Turfgrass Disease Profiles: Pink Snow Mould, Purdue University, USA: www.agry.purdue.edu/turf/publicat.htm. 

PRÄMASSING, W.: Pilzinfektionen auf Intensivrasen, Diplomarbeit, Universität Hohenheim, Institut für Pflanzenbau und Grünland, 1990.

SMILEY, R. et al. (2005): Compendium of Turfgrass Diseases, 3. Auflage, APS Press, USA.

STRI: Turfgrass Diseases, Bingley, UK, 1979

SYNGENTA: Rasenkrankheiten – erkennen und vermeiden, Vertrieb in der BRD: Everris, 2010.

 

Autor: Wolfgang Henle | Greenkeepers Journal 02/2012

 

* Bitte beachten Sie: Der Beitrag stammt aus dem Greenkeepers Journal 2/2012. Die Liste der zur Befallsminimierung und Bekämpfung angegebenen Pflanzenschutzmittel ist u.U. nicht mehr aktuell und sollte unbedingt vor einem Einsatz überprüft werden! Der Verlag übernimmt keine Gewähr für Aktualität, Korrektheit und Vollständigkeit der aufgeführten Informationen.    


Aktuell zugelassene und genehmigte Pflanzenschutzmittel für die Anwendung auf Golfplätzen finden Sie auf den Websites des GVD unter bit.ly/2uU6FPQ bzw. des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit unter bit.ly/2uC0btm.  

 

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