Kappungen an Bäumen und ihre Folgen

Nachhaltige Baumschädigung mit Gefahrenpotenzial

Gekappte Bäume sind immer wieder als Straßenbäume, in Parkanlagen, auf Friedhöfen, in Gärten aber leider auch auf Golfplätzen zu sehen. Diese bedauernswerten Baumgestalten sind durch einen baumzerstörerischen Schnitt ohne Rücksicht auf den Habitus des Baumes sehr stark geschädigt und können nur selten wieder eine für die jeweilige Baumart typische Krone aufbauen.

 

Die Kappung von Bäumen wird in der ZTV-Baumpflege (2017) folgendermaßen beschrieben: „Umfangreiches, baumzerstörendes Absetzen der Krone ohne Schneiden auf Zugast/Versorgungsast und ohne Rücksicht auf Habitus und physiologische Erfordernisse. Vom Kappen zu unterscheiden ist der Kopfbaumschnitt.“

 

Stamm- und Stämmlingskappung

Bei Kappungen wird unterschieden zwischen einer Stammkappung (Abbildung 1), – auch der zum Schutz aufgelegte Deckel verhindert nicht die gravierenden Folgen – und der Kappung von Stämmlingen (Abbildungen 2-4). Beim Vergleich mit gepflegten Baumkronen (Abbildungen 5 und 6) wird der Unterschied richtig deutlich.

Vom Jungbaum zur Alterskrone

Jungbäume sind bei vielen Laubbaum-arten in ihrem Kronenaufbau ähnlich; sie haben durch die Spitzendominanz ein durchgehendes Stämmchen. Der Kronenaufbau ist meistens – insbesondere im unbelaubten Zustand – sehr deutlich zu erkennen (Abbildung 7), aber auch im belaubten Zustand ist der Aufbau mit einem Leittrieb und untergeordneten Seitentrieben gut zu sehen (Abbildung 8).

Der Kronenaufbau, das Verzweigungsmuster, ist genetisch fixiert und wird beim Wachstum durch die Wirkung von Phytohormonen gesteuert. Beim akrotonen (spitzenbetonten) Wuchs – wie er bei Bäumen üblich ist – verhindert die Terminalknospe in unseren Breiten durch ihre Spitzendominanz den Austrieb der unterhalb gelegenen Seitenknospen. Erst im nächsten Jahr ist diese Hemmung aufgehoben. Im Laufe der Jahre bildet sich eine Baumkrone, bei der die Stämmlinge aus dem Stammkopf heraus überwiegend aufrecht wachsen (Abbildung 9).

Formschnitt – Kopfbaumschnitt ist ein Pflegeschnitt!

Eine sehr spezielle Schnittmaßnahme ist der Formschnitt, weil er eine Krone durch regelmäßigen Schnitt in eine künstliche Form bringt. Hierbei werden in kurzen zeitlichen Intervallen, in der Regel einmal im Jahr, Fein-äste entfernt. Dabei entstehen nur kleine Wunden, die von den Gehölzen schnell geschlossen werden. Ein Formschnitt wird vor allem bei Linden und Platanen als Kopfschnitt durchgeführt. Dazu werden beim jungen Baum die Äste, die nicht dicker als drei Zentimeter sind, abgeschnitten, bis die gewünschte Kronenform – das Grundgerüst – erreicht ist (Abbildung 10). Die Stelle, an der die neuen Triebe wachsen, wird mit den Jahren dicker, es bildet sich ein „Kopf“, aus dem in jedem Frühjahr zahlreiche junge Triebe austreiben (Abbildung 11). Diese wachsen zu einjährigen Trieben heran (Abbildung 12); sie sollten bis auf einen im Herbst oder zeitigen Frühjahr am „Kopf“ entfernt werden.

Formgehölze haben in bestimmten Regionen eine lange Tradition, sie verlangen allerdings eine aufwendige Pflege. Da regelmäßig junge Triebe abgeschnitten werden, entstehen nur sehr kleine Wunden. Die Formschnitte stehen als Pflegemaßnahmen im Gegensatz zu baumzerstörenden Schnittmaßnahmen, den Kappungen.

 

Kappung – eine rigorose, baumzerstörerische Schnittmaßnahme

Bei jedem Baum befinden sich Wurzel, Stamm und Krone in einem physiologischen Gleichgewicht. Durch eine Kappung wird das optimale Verhältnis zwischen Krone und Wurzel stark gestört, was sich auch nach vielen Jahren nicht wieder ausgleicht.

 

Bei einer Kappung verliert der Baum einen großen Teil (Abbildung 13) oder die gesamte Blattmasse, die Photosynthese ist dann nicht oder kaum noch möglich. Eine gekappte Linde hat zwar im nächsten Jahr mit zahlreichen Knospen ausgetrieben (Abbildung 14), mit dem sorgfältigen Schnitt beim Kopfbaumschnitt ist das nicht vergleichbar. Nach diesem radikalen Schnitt wird sie nie wieder ihre typische Kronenform erhalten. Die Kappung des Stammes (Abbildung 15) ist eine besonders rigorose Maßnahme, die schwerwiegende Konsequenzen für den Baum hat.

Stämmlingen/-Starkästen

Die Folge einer Kappung ist eine große Wunde, die von einer Borke nicht geschützt ist. Nach der Kappung von Stämmlingen erfolgt ein starker Austrieb -(Abbildung 16), so dass die Bäume aufgrund der zahlreichen Ständer, insbesondere im belaubten Zustand vital aussehen (Abbildung 17). Nach einiger Zeit zeigen die neuen Austriebe ein starkes Höhenwachstum. Diese Austriebe werden als „Reiterate“ oder „Ständer“ bezeichnet; sie sind sehr schlank, stehen dicht beieinander und konkurrieren untereinander. Für die Beurteilung der Verkehrssicherheit ist Größe und Anzahl der Reiterate von Bedeutung.

Die Ständer sind jedoch nur im Stammmantel mit dem Holz der tragenden Achse verbunden; sie sind keine regulären Seitenäste (Abbildung 18). Bei schnell wachsenden Holzarten wie Pappel, Weide oder Eschen-Ahorn können Ständer besonders leicht ausbrechen (Abbildung 19).

Kappung des Stammes

Bei Kappung der gesamten Krone bis auf den Stamm entsteht eine besonders große Wunde, die keinen Schutz durch die Borke hat. Nach der Kappung muss der Baum seine verbliebenen Reserven aufwenden, um die große Wunde zu abzuschotten, denn an der Wunde tritt Luft in das Wasserleitsystem ein. Wenn die für die Transpiration zuständigen Blätter fehlen, kommt der Sog für den Wassertransport zum Erliegen. Erst nach Bildung neuer Jahrringe, kann die Wasserleitung wieder funktionieren. Bei einer Kappung des Stammes, dem Verlust der gesamten Krone, können nur noch in der Wurzel wuchsfördernde Hormone produziert werden.

 

Da die Zellen im Kernholz abgestorben sind, kann die große Wunde nicht verschlossen werden. Hier breiten sich Fäulen besonders gut aus (Abbildung 20). An den großen Schnittwunden bildet sich Schimmel, später siedeln sich holzzerstörende Pilze im Kernholz an; das Risiko von ausgedehnten Fäulen ist sehr groß.

Zunächst entwickeln sich an den Kappstellen weniger aggressive Pilze, wie Trameten und Rauchporlinge, später folgen gefährlichere holzzerstörende Pilze, wie beispielsweise Zunderschwamm, Schuppiger Porling, Zottiger Schillerporling, Buckeltramete. Bei großen Wunden kann nach einer Kappung kein effektiver Wundverschluss erfolgen, eine Überwallung und ein vollständiges Einkappseln sind nicht möglich.

 

Bildung einer Sekundärkrone

An den Stammrändern treiben sehr bald zahlreiche Knospen aus, die hohe Ständer bilden. Da sie keine normale Verlängerung von regulären Ästen sind, sondern nur seitlich ansitzen (Abbildungen 21 und 22), können sie leicht ausbrechen, vor allem, wenn sich im Laufe der Jahre hohe Ständer gebildet haben.

Bei der Linde kann eine in der Form typisch aussehende Krone entstehen (Abbildung 23), die Ausbruchgefahr ist dennoch sehr hoch. Haben sich vom Stammkopf ausgehend zahlreiche Ständer entwickelt (Abbildung 24), so müssen diese regelmäßig eingekürzt werden, damit sie einigermaßen sicher sind.

Werden die Ständer nicht eingekürzt, dann geht von diesen überlangen Ständern große Ausbruchsgefahr aus (Abbildung 25), verkehrssicher ist diese Linde nicht. Soll ein Baum mit dieser Statur noch ein paar Jahre stehenbleiben, dann muss er durch Schnitt eine kopfbaumähnliche Form erhalten (Abbildung 26).

 

Mit zunehmendem Alter wird der Stamm morsch und zeigt Höhlungen, einige der neuen Stämmlinge brechen aus und es kann zusätzlich zur Fäule sogar zum Stammlängsriss kommen (Abbildung 27). Diese Linde ist durch die Kappung so stark geschädigt, dass sie nicht mehr verkehrssicher ist; sie muss gefällt werden.

Stadien nach Kappung bei einer Lindenreihe

Sicherlich ohne Genehmigung vom Umweltamt wurden bei einer Lindenreihe Stammkappungen durchgeführt. In den Folgejahren konnten die Stadien des neuen Austriebes verfolgt und fotografisch dokumentiert werden.

 

Im Herbst des Jahres 2018 abgesägte Linden – als Stammkappung – treiben Anfang Mai 2019 mit zum Teil schlaff herabhängenden Zweigen aus (Abbildungen 28 und 29). Diese Austriebe sind erstarkt und haben sich aufgerichtet wie Anfang des Jahres 2020 deutlich zu erkennen ist (Abbildung 30), im Winter sind aufrechte Ständer zu sehen (Abbildung 31). Mitte Mai vermitteln die Bäume einen vitalen Eindruck mit den aufrechten, reich beblätterten Austrieben (Abbildung 32). Anfang des Jahres 2022 sind die zahlreichen Ständer wesentlich höher, sie haben eine Höhe von etwa fünf Metern erreicht, sie stehen aber nur am Rand der Kappungsstelle (Abbildung 33), die Ausbruchsgefahr erhöht sich von Jahr zu Jahr.

Fazit

Kappungen sind das umfangreiche, baumzerstörende Absetzen von Stämmlingen oder der gesamten Krone ohne Rücksicht auf Habitus und physiologische Erfordernisse des Baumes.

 

Bäume, die vor mehreren Jahren gekappt wurden, haben ein hohes Gefahrenpotenzial, das mit zunehmendem Alter weiter steigt, weil sich die Fäule an den Wunden ausbreitet und die immer höher werdenden Ständer ausbrechen können.

 

Durch Kappungen wird ein Baum zum Pflegefall mit hohen Folgekosten. Deshalb ist es besonders wichtig, Schnittmaßnahmen nur von zertifizierten Baumpflegefirmen ausführen zu lassen. Soll ein gekappter Baum erhalten werden, so muss dessen Sekundärkrone regelmäßig gepflegt werden.

 

Ist zu erkennen, dass von der Baumpflegefirma die Richtlinien der ZTV-Baumpflege beim Baumschnitt auf Ihrem Golfplatz nicht beachtet werden, dann sollten die Arbeiten sofort gestoppt werden. Andernfalls wird durch baumzerstörende Pflege der Baumbestand nachhaltig geschädigt.

 

Autorin: Dr. Isolde Hagemann | Greenkeepers Journal 1/2022

 

Literatur

FLL (Hrsg.), 2017: ZTV-Baumpflege. Zusätzliche Technische Vertragsbedingungen und Richtlinien für Baumpflege. Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e.V. Bonn, 82 S.

KLUG, P., 2010: Praxis Baumpflege, Kronenschnitt an Bäumen. Airbus-Verlag, 197 S.

Weiß, H., 2016: Kappungen und ihre Konsequenzen für Baumbiologie und -statik. Jahrbuch der Baumpflege 2016, S. 32-50.

 

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