Rasen-Winterstress-Management

Internationales Forschungsprojekt

In Skandinavien vernichtet der Winter regelmäßig rund 70 % der Rasenflächen! Das STERF-/Bioforsk-Seminar „Turf grass winter survival“ im November 2014 bildete den Abschluss des ersten dreijährigen Forschungszyklus zum Projekt „Turf Grass Winter Stress Management“. 56 Wissenschaftler, Greenkeeper, Berater und Industrievertreter aus Schweden, Island, Dänemark, Finnland, USA, Norwegen und Deutschland nahmen als Zuhörer und Referenten an der interessanten und gut organisierten Veranstaltung in Gjøvik, Norwegen, teil.

 

Winterhärte ist nicht nur Frosttoleranz

Die Frosttoleranz der Gräser erhöht sich, wenn sie eine langsame Abkühlung erfahren. Bei plötzlichem Starkfrost nach positiven Temperaturen kommt es zur Eisbildung in der Zelle. Dabei dehnt sich das Wasser aus, sprengt und zerstört die Zelle. Den Wassergehalt der Zellen vor dem Winter zu reduzieren und gleichzeitig den Gehalt an Zuckern, besonders Fructanen, darin zu erhöhen, ist einer der wichtigen Vorgänge der Akklimatisierungsphase. Die physiologischen Vorgänge in Agrostis stolonifera und Poa annua unterscheiden sich sowohl in der Ausbildung der Winterhärte als auch der Reaktivierung der Stoffwechselprozesse bei erneut wärmeren Temperaturen deutlich – das haben Versuche in künstlich ausgelösten Kälte- und anschließenden Wärmebedingungen gezeigt.

 

In Skandinavien war der Winterhärte im Jahr 2014 ein eigenes Züchtungsprojekt gewidmet (www.scanturf.org). Die Winterhärte setzt sich aus „Resistenzen“ gegenüber Winterkrankheiten (Microdochium nivale und Typhula incarnata), Froststärke und -dauer, Dunkelheit, Eisabschluss, hohe Wassergehalte im Spross, Wurzelabriss bei Wechselfrösten, Windaustrocknung bei gefrorenem Boden sowie den im Frühjahr bei starkem Frost und gleichzeitig bereits hohen Lichtintensitäten auftretenden Problemen zusammen.

Übersicht Winterstressfaktoren für Rasengräser und Entwicklung der Winterhärte
Frosttoleranz von Agrostis stolonifera vs. Poa annua (Tatsiana Espevig, Bioforsk)

Dicke Eisdecken auf Rasen­flächen der sichere Gräsertod

90 % der Wiesenschäden in Island entstehen durch Eisbedeckung und nur 5 % durch Kälte (insbesondere im Frühjahr). Daher kommt der Oberflächentopographie von Wiesen- und Rasenflächen große Bedeutung zu.

 

Denn: Auf Erhebungen überleben die Pflanzen, in Senken sterben sie ab! 8-12 Wochen Eisabschluss werden von Gräsern ertragen. Ältere Graspflanzen sind im Vergleich zu Einjährigen weniger tolerant gegenüber Eisabschluss. Auch Boden pH-Wert, Nährstoffverfügbarkeit, Bodenleben und die Bodenstruktur haben Einfluss auf die Überlebenschancen der Gräser unter Eisabdeckung.

 

Materialien und Techniken zur Grünsabdeckung im Winter

Grundsätzlich muss man bei den Abdeckmaterialien drei Typen unterscheiden:

  • solche, die sich und die Luft darunter erwärmen
  • solche, die komplett isolieren und abschließen
  • solche, die einen Gasaustausch ermöglichen

 

Werden Grüns abgedeckt, ist es wichtig, dass kein Wasser unter die Folie gelangen kann. Vor der Abdeckung erhalten die Grüns ein oder zwei Fungizidbehandlungen (es kommen Azole und moderne Strobilurine zum Einsatz). Die Abdeckung erfolgt so spät wie möglich. Ein Drei-Länder-Vergleich von 2011-2014 mit einer einfachen Kunststofffolie, einem „GoreTex“ ähnlichen, semipermeablen VPM-Membran-Gewebe und einer Kunststofffolie, die auf einem einen Zentimeter starken Gewebe aufliegt sowie einer nicht abgedeckten Kontrolle brachte besonders im letzten Winter, der schlimmste und härteste der letzten Jahre, spektakuläre Ergebnisse.

In Skandinavien üblich: Eine deckende Eisschicht auf den Grüns.
Grüns vom Schnee befreien, wie in Deutschland zunehmend verbreitet, reicht in Skandinavien oftmals nicht – hier helfen nur schwere Maschinen.

In Finnland (Oulu) und Schweden (Timra) lagen die Versuchsflächen bis zu 90 Tage unter völliger Eisabdeckung. Unter den einfachen Folien­abdeckungen konnten 75 % des Bestandes gerettet werden. Unter dem semipermeablen Gewebe waren es sogar 85 %. Die Kontrolle ohne Abdeckung war an beiden Standorten komplett abgestorben.

 

In Norwegen (Miklagard, 35 km nördlich Oslo) wies die Kontrolle nach dem Winter noch 70 % Bedeckung aber 30 % Krankheiten auf – mit Abdeckung waren es 93 bzw. 96 % Bedeckung und deutlich weniger Krankheitsstellen. Unter der semipermeablen VPM-Membran lag die Bedeckung sogar bei 99 % mit einer besseren Grünfärbung der Gräser.

 

Die kritischste Phase jeder Abdeckung ist das Entfernen der Abdeckung im Frühjahr. Nimmt man zeitig ab und es kommt noch zu starken Nachtfrösten, sind die Gräser nicht genügend abgehärtet und erfrieren schnell. Nimmt man spät ab, kann es zu einer stärkeren Krankheitsausbildung unter den Abdeckungen kommen. Dabei ist bei Abdeckung 10 °C Lufttemperatur kein Problem, wenn die Bodentemperatur niedrig bleibt (Kontrolle!).

In Deutschland kennt man ja Langläufer auf Golfplätzen – Eislaufen dürfte eher selten sein.

Poa annua und der Winter – eine ganz spezielle Beziehung

Poa annua scheint am stärksten von einer Abdeckung zu profitieren. Unter der Folie wird der Frost abgemildert und im Frühjahr – mit Licht und Wärme – reagiert Poa annua am schnellsten durch Zuckerbildung und Wachstum. Problematisch wird es für die Art nur, wenn es nach einer Wärmephase nochmals richtig kalt wird. Erstens sind die Zellen schnell wieder wasserreicher, zweitens wird keine neue Frosthärte aufgebaut (siehe oben) und drittens brauchen Stoffwechselprozesse viel O₂, das unter Eisabschluss rasch knapp wird.

 

Dennoch fasziniert Poa annua mit dieser „Winterstrategie“ auch die Fachleute, denn selbst wenn diese riskante Strategie fehlschlägt und zum Totalausfall führt, erneuert sich der Bestand im Frühling aus dem im Boden liegenden Samenpool in wenigen Wochen.

Übersicht Rasengräser in Abhängigkeit von der Winterhärte (nach SCANTURF)

In der Abschlussdiskussion wies der isländische Golfplatzarchitekt Edwin Roald auf grundsätzliche Regeln für den Bau von Grüns in klimatisch ungünstigen Lagen hin:

  • Grüns sollten immer die höchsten Punkte sein
  • Grüns sollten nach S, SW geneigt sein
  • „Oben“ sollte das Grün nach hinten, rechts und links abgeneigt sein, damit nicht alles Wasser das ganze Grün überfließen muss
  • Verzicht auf Greenspeed zugunsten einer stärkeren Neigung – so kann Wasser schneller abfließen und sich kein Eis bilden
  • Optimaler Lichteinfall und gute Luftbewegung
  • Abflussbereiche neben dem Grün sollen das gleiche Drainagevermögen wie das Grün haben
  • Schnelle Entwässerung in die Bunker vorsehen

 

Autor: Prof. Martin Bocksch, DGV-/GVD-Arbeitskreis Pflanzenschutz | Greenkeepers Journal 04/2014

 

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