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Wembley-Rasen im Weimarer Land

„Rasenpflege können wir“

Fünf deutsche Golfresorts verwandeln sich zur Fußball-EM als Team Base Camps in Rückzugsorte für turniergestresste Kicker und deren Tross.

Harry Kane reist erst am 10. Juni an. Aber Harry Mane war bereits da. Das Maskottchen der Three Lions kam quasi als Vorhut. Englands „Löwen“ um Kapitän Kane schlagen zur Fußball-Europameisterschaft das Team Base Camp im Spa & GolfResort Weimarer Land auf, und der Fellgesell mit Plüschkopf und menschlichem Innenleben hat das künftige Quartier schon mal gründlich inspiziert. Begleitet von einem Team des britischen Boulevardblatts The Sun erkundete Harry Mane die Anlage, kickte auf dem Rasenplatz fürs Fotoshooting, zog Geschmacksproben in den sechs Restaurants des Resorts am Rand der Kleinstadt Blankenhain in Thüringen und verkostete das deutsche Bier, vor dessen ungewohnter Stärke Englands Fußballverband The FA die zur EM anreisenden Fans pikanter- und bezeichnenderweise gewarnt hat – ein gewisser Ruf eilt ihnen halt voraus.

Mission accomplished: Aufmerksamkeit garantiert

Internationale Aufmerksamkeit ist definitiv sicher; und Manes Stippvisite ist – um beim Logo des Weimarer Lands zu bleiben – allenfalls ein Säuseln im Lindenblattwerk gegen den Mediensturm, der ausbricht, wenn die Gladiatoren höchstselbst ihr Quartier beziehen. Allein zur Berichterstattung über den EM-Mitfavoriten England werden rund 300 Journalisten erwartet, dazu Kamerateams von Sky Sports und BBC sowie der deutschen Sender. Das 1279 erstmals urkundlich erwähnte und mittlerweile kulturell genutzte Schloss Blankenhain wird dafür zum Pressezentrum umfunktioniert. Oder wie Resortinhaber Matthias Grafe zur Wirkweise für seine Marke formuliert: „Im Sommer wird sechs Wochen lang jeden Tag irgendwo Weimarer Land erwähnt sein.“

Fünf deutsche Golfresorts haben die Gunst der EM-Stunde erkannt und sich beim gastgebenden Deutschen Fußball Bund (DFB) als Team Base Camp registrieren lassen. Die breite öffentliche Aufmerksamkeit für das Kicker-Gipfeltreffen zwischen Hamburg und München, Berlin und Düsseldorf als einem der Sport-Höhepunkte des Jahres eröffnet ihnen die Chance, ihre Anlagen und mithin den Golfsport in den Fokus zu rücken. Wer will das Rampenlicht schon allein Le Golf National nahe Paris überlassen, der Ryder-Cup-Bühne von 2018, wo im Juli und August die olympischen Golfturniere inszeniert werden.

Ähnliche Aufmerksamkeit wie den Engländern dürfte La Furia Roja (Der rote Zorn) gelten, der spanischen Nationalmannschaft unter Regie von Cheftrainer Luis de la Fuente, die ebenfalls zu den hoch gehandelten Teams des Turniers gehört und mit arrivierten Akteuren gespickt ist. Der amtierende UEFA-
Nations-League-Champion residiert im Öschberghof bei Donaueschingen – „die Anlage erfüllt alle Anforderungen, die eine Profi-Fußballmannschaft bei einer hochkarätigen Veranstaltung wie der Europameisterschaft benötigt“, heißt es beim Verband Real Federación Española de Fútbol.

Belgiens Rote Teufel wiederum wohnen in der Domäne Monrepos im baden-württembergischen Ludwigsburg, das Team von Tschechien mit Stürmerstar Patrik Schick vom beinahe designierten Deutschen Meister Bayer Leverkusen nimmt Quartier im Steigenberger Hotel Treudelberg in Hamburg, Slowenien hat sich für Das Vesper in Wuppertal entschieden. Arnd Vesper, Geschäftsführender Gesellschafter des Hotels in der Natur des südlichen Ruhrgebietsrands, drückt aus, was für alle Gastgeber gilt: „Die exklusive Nutzung ermöglicht es uns, einen maßgeschneiderten Service zu bieten und sicherzustellen, dass sich das Team in einer privaten und entspannten Umgebung auf seine Spiele konzentrieren kann.“

Will heißen, während des EM-Zeitraums herrscht in den Resorts das Prinzip geschlossene Gesellschaft. Mehr noch: Die Anlagen werden gegebenenfalls nach den Wünschen und Bedürfnissen der kickenden Klientel umgekrempelt, was durchaus dazu führen kann, dass für ein paar Wochen nichts mehr so ist, wie es der „gemeine“ Golfgast sonst kennt. Gastronomische Areale werden neu arrangiert und kleine Fluchten für die Fußballerfamilien eingerichtet, die Wellnessbereiche verwandeln sich in Physio-Tempel und sportmedizinische Spezialpraxen, am Außenpool hängt ein Megamonitor und neben dem Beckenrand wird eine Saftbar eingerichtet.

Über Geld wird nicht geredet, Imagewert ist eh unbezahlbar

Über Geld wird nach draußen hin zwar nicht geredet, klar ist allerdings, dass niemand Verluste macht, wenn die komplette Anlage während der Hauptsaison zur Sperrzone avanciert. Der Imagewert ist ohnehin unbezahlbar. Nicht nur für das betreffende Haus. „Wir haben die Gelegenheit, uns als weltoffene Region vorzustellen, als eine Region, die der Seele guttut – und das vor nahezu der gesamten Weltöffentlichkeit“, betont Christiane Schmidt-Rose, die Landrätin des thüringischen Landkreises Weimarer Land (CDU).

Einblicke in die Vorbereitungen als Gastgeber für ein EM-Team

Dem golfmanager und dem Greenkeepers Journal wurden im Weimarer Land exklusive Einblicke gewährt, wie sich ein grundsätzlich gut ausgelastetes Golfresort in einen Rückzugsort für turniergestresste Top-Fußballer und ihre Entourage verwandelt – siehe hierzu auch das separate Gespräch mit Matthias Grafe, Resortinhaber Spa & GolfResort Weimarer Land. Wenngleich es weniger Gäste sind als sonst und der Tross sowieso auf umliegende Quartiere verteilt werden muss: In diesen Wochen herrscht nirgendwo Business as usual – allein schon wegen der massiven Sicherheitsvorkehrungen und der Abschirmung der Mannschaften nach außen. Für ein Foto von Harry Kane am Frühstücksbuffet oder gar beim entspannten Golfen dürfte mancher Paparazzo jedes Wagnis eingehen. Und wer weiß schon, welcher Promi während der spielfreien Tage mal bei der Truppe vorbeischauen will.

Damit nicht genug, stehen Matthias Grafe und Hoteldirektor Daniel Stenzel mit ihrer 160-köpfigen Crew vor einem besonderen Kraftakt. Denn vom 26. bis 31. Mai hält zudem die deutsche Nationalmannschaft im Weimarer Land ein Trainingslager ab. „Wir brauchen einen ganz besonderen Teamgeist, um im Turnier möglichst weit zu kommen“, äußerte sich Bundestrainer Julian Nagelsmann. Deswegen will man sich vom familiären Spirit des Resorts und von der Idylle am Goethe-Wanderweg inspirieren lassen, wo vor rund 250 Jahren schon Deutschlands Dichterfürst von Weimar aus durch Thüringens liebliche Landschaft flanierte. „Auch abseits des Trainingsplatzes können wir die Tage im Weimarer Land bestmöglich nutzen, um uns als Mannschaft auf die Europameisterschaft einzustimmen und einzuschwören“, wird Nagelsmann zitiert, der „perfekte Bedingungen“ lobt: „Die Ruhe, die vielen Trainingsmöglichkeiten, die Umgebung und vor allem die kurzen Wege von der Unterkunft zum Fußballplatz.“

„Probe-Wohnen für Kane“,
titelte dazu die Süddeutsche Zeitung: Also wird das Resort binnen kurzer Zeit und in nur wenigen Tagen zwei Mal den individuellen Anforderungskatalogen angepasst. Petitesse am Rand: Allein das Branding mit dem Logo und den Etiketten des jeweiligen Ausrüsters – das „Umkleben“, wie Grafe es nennt – ist eine zeitraubende, weil kleinteilige und penible Prozedur. Deutschlands drei Streifen werden dann für die englische Equipe von Hauptübungsleiter Gareth Soutgate gegen den „Swoosh“ ausgetauscht. Für das Weimarer Land kommt der umstrittene Partnertausch des DFB tatsächlich drei Jahre zu spät – Ironie wieder aus.

Hoffnungen auf ein erneutes Sommermärchen in Zeiten von Krisen und Kriegsangst

Und zwischendrin soll das Resort noch eine Woche im touristischen Normalbetrieb laufen. Doch was tut man nicht alles für die Hoffnung auf ein erneutes Sommermärchen, das den galligen Geschmack von Krisen und Kriegsangst, sozialen Zerreißproben und dystopischer Denke überlagern möchte. Brot und Spiele halt. „Wir erinnern uns sicher alle an 2006 und 2014“, verdeutlicht Matthias Grafe die Motivation für sein Engagement. „Das war doch ein tolles Gefühl für unser Land. Meine Hoffnung ist, dass wir in unserer Gesellschaft wieder ein Gefühl des Zusammenhalts bekommen, dass wir etwas miteinander machen und nicht gegeneinander arbeiten.“

Das treibt den Mann mit der Machermentalität um und an, dafür nimmt er gern Geld in die Hand. Ohnehin haben das Weimarer Land und der Öschberghof den Vorteil, eigene Fußballplätze auf dem Gelände zu haben, was den Vorlieben der Coaches sehr entgegenkommt, Trainingseinheiten unter Ausschluss der Öffentlichkeit abhalten zu können. Auf den drei aneinander liegenden Feldern des Schwarzwald-Ensembles spielte sich bereits der FC Barcelona auf eine neue Saison ein. Die Katalanen dürften ebenso Tippgeber an ihren Verband gewesen sein, wie die Queens Park Rangers und die Glasgow Rangers aus der englischen Premier League das Weimarer Land empfohlen haben, dessen Fußballanlage mitten in den Bahnen des Goethe Golf Course liegt. „Unser Trumpf“, weiß Grafe und hat für DFB und The FA unter anderem eine Tribüne aufschütten, weitere Infrastruktur schaffen und eine Playground Hall mit Unterhaltungsausstattung vom Trackman-Golfsimulator über Paddle Tennis bis Basketballkörbe errichten lassen.

Auf Wunsch englischen Rasen nachgesät, Qualität ist ohnehin garantiert

Sogar der Rasen der anderthalb Spielwiesen wurde noch mal umgearbeitet. Es habe einen kleinen Disput zwischen dem DFB und dem Head-Greenkeeper des englischen Verbands gegeben, erzählt Grafe und schmunzelt: „Der DFB findet unseren Platz super, der Engländer eigentlich ebenso.“ Jeder wisse, dass in einem Golfresort auch ein Bolzplatz tipptopp sei, weil: „Rasenpflege können wir.“ Dennoch, so Grafe weiter, scheine den Engländern mit ihren Ansprüchen nicht zu reichen, was dem DFB mehr als gut genug sei: „Die wollen, dass wir einen Rasen wie im berühmten Wembley-Stadion in London haben – obwohl ich sie gefragt habe: Ihr wisst schon, dass diese EM in Deutschland und auf deutschem Rasen stattfindet?“

Also ließ Grafe seine Fußballfelder neu einsäen und die englischen Turf-Flüsterer kommen regelmäßig, um das Gedeihen des Grases zu kontrollieren. Dann bleibt nur zu hoffen, dass Thomas Müller seinem Mannschaftskameraden Harry Kane weder auf dem „heiligen“ Fußballrasen noch auf den drei Golfkursen irgendwelche Divots hinterlässt, wenn der DFB-Star im Weimarer Land vom englischen Stürmerkollegen abgelöst wird. Immerhin ein vertrautes Schicksal, war Müller doch bis zu Kanes Verpflichtung bester Golfer der Münchener Bayern. In Sachen Handicap steht es zwischen den beiden übrigens aktuell 3:4.

Autor: Michael F. Basche | Greenkeepers Journal 1/2024

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