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Zwischen DFB-Campus und Weltmeisterschaft

Der Mann, der dem deutschen Fußball den Boden bereitet

Vom Schüler im Fanshop des VfL Bochum zum Verantwortlichen für die Trainingsflächen des DFB: Sebastian Breuing gehört zu den Menschen, die im Hintergrund dafür sorgen, dass Spitzenfußball auf höchstem Niveau möglich wird. Ein Porträt über Leidenschaft, Bodenhaftung und die Kunst, perfekte Bedingungen zu schaffen.

Wenn die deutsche Nationalmannschaft einen Trainingsplatz betritt, wenn Trainer Anweisungen geben und die ersten Bälle über den Rasen rollen, denkt kaum jemand an die Menschen, die lange vorher dort gewesen sind. Sebastian Breuing schon. Er schaut nicht zuerst auf die Spieler. Nicht auf die Taktik. Nicht auf die Aufstellung. Sein Blick gilt dem Boden: Wie ist die Durchwurzelung? Wie hoch ist die Belastbarkeit? Wie verhält sich der Ball auf der Oberfläche? Welche Bedingungen erwarten die Mannschaft? Fragen, die für die meisten Zuschauer unsichtbar bleiben. Für Sebastian Breuing bilden sie die Grundlage für alles, was anschließend auf dem Platz geschieht..
 

Heute verantwortet der gebürtige Bremer als Koordinator Greenkeeping am DFB-Campus die Trainingsflächen des Deutschen Fußball-Bundes und begleitet die Nationalmannschaften bei internationalen Turnieren. Doch wer ihm begegnet, erlebt keinen, der seine Karriere am Reißbrett geplant hat, seine Geschichte beginnt dort, wo viele Fußballgeschichten beginnen: beim Heimatverein, beim VfL Bochum.

Vom VfL-Fanshop auf den Rasen
 

Als Schüler arbeitet Breuing im Fanshop des Traditionsvereins. Er verkauft Fanartikel, organisiert Warenbestände, hilft an Spieltagen und erlebt den Profifußball aus unmittelbarer Nähe. Parallel absolviert er eine Ausbildung im Garten- und Landschaftsbau.
 

Dass sich diese beiden Welten eines Tages verbinden würden, ahnt damals niemand. Bis zu jenem Moment, den Breuing noch heute mit einem Lächeln erzählt. Da fährt plötzlich ein Mann mit einem ungewöhnlichen Aufsitzmäher über das Vereinsgelände. Der junge Sebastian spricht ihn an: „Wer bist Du eigentlich?“ Die Antwort fällt kurz aus: „Ich bin der Greenkeeper.“
 

Manchmal genügt ein einziger Satz, um ein ganzes Berufsleben zu verändern. Für Breuing war es genau so ein Moment. Mit Bernd Schulte-Hobain lernt er einen der Pioniere des modernen Sportplatzmanagements kennen. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Fußball, sondern um Pflanzenphysiologie, Bodenkunde, Wasserhaushalt und die Frage, wie aus einer Fläche eine optimale Spielfläche entsteht. Eine Welt, die ihn bis heute fasziniert.

Ein Beruf, der sichtbar ist
 

„Man sieht sofort, was man geschaffen hat.“ Dieser Satz fällt im Gespräch beinahe beiläufig.
 

Tatsächlich beschreibt er die Faszination des Greenkeepings vielleicht besser als jede Fachdefinition. Während vieles im modernen Berufsleben abstrakt geworden ist, bleibt das Ergebnis seiner Arbeit sichtbar. Ein Platz ,funktioniert‘ – oder er funktioniert nicht, dazwischen gibt es wenig Interpretationsspielraum.
 

Nach den ersten Jahren in Bochum folgt als weitere Station der SV Werder Bremen. Die Verantwortung als Leiter Greenkeeping wächst. Breuing entwickelt sich zu einem der jüngsten Head-Greenkeeper der Bundesliga und sammelt Erfahrungen auf höchstem Niveau. Dabei verliert er nie die Verbindung zur Praxis und zu den Kollegen. Wer ihm zuhört, merkt schnell: Er spricht lieber über Menschen und Mannschaften als über Hierarchien und Titel.

Mehr als nur der Mann  für den Rasen
 

Heute ist Greenkeeping für Sebastian Breuing längst mehr als Rasenpflege. Am DFB-Campus laufen zahlreiche Interessen zusammen. Nationalmannschaften trainieren auf den Flächen, Nachwuchsteams nutzen die Anlagen, Veranstaltungen finden statt. Anforderungen müssen koordiniert und Belastungen gesteuert werden. Breuing beschreibt seine Aufgabe deshalb weniger als Kontrolle, sondern vielmehr als Vermittlung. „Ich stelle Spielregeln für die Nutzung der Spielfelder auf.“

Ein einfacher Satz für einen komplexen Verantwortungsbereich. Denn moderne Trainingszentren sind hochbeanspruchte Arbeitsumgebungen. Zwischen sportlichen Anforderungen, infrastrukturellen Notwendigkeiten und langfristiger Platzqualität müssen täglich Entscheidungen getroffen werden.
 

Breuing bewegt sich dabei zwischen den unterschiedlichsten Welten. Er spricht mit Greenkeepern ebenso selbstverständlich wie mit Teammanagern, Trainern, Funktionären oder externen Dienstleistern. Vielleicht liegt genau darin eine seiner größten Stärken. Er kennt beide Seiten: die strategische Ebene ebenso wie die praktische Arbeit auf dem Platz. Seine fachliche Expertise ist dabei längst auch über den DFB hinaus gefragt. So gehört er zu den Gründungsmitgliedern der im März 2011 ins Leben gerufenen DFL-Expertenkommission zur Sicherstellung der Rasenqualität in den Stadien der Bundesliga und 2. Bundesliga. Wenn er über Greenkeeping spricht, dann nie aus der Perspektive eines Managers, sondern aus der eines Menschen, der selbst weiß, wie es sich anfühlt, die entsprechenden Maschinen zu bedienen. „Dass man auch mal einen Besen oder eine Schaufel in die Hand nehmen kann, gehört dazu“, sagt er. Dieser Satz fällt eher beiläufig, beschreibt aber viel von seinem Selbstverständnis.
 

Vielleicht passt deshalb ein anderer Begriff besser zu seiner Haltung als jede Stellenbezeichnung: Dienstleister. „Ich mache alles möglich, was in meiner Macht steht, um die Mannschaft bestmöglich vorzubereiten.“ Hinter diesem Anspruch steht die Überzeugung, dass optimale Bedingungen nicht zufällig entstehen, sondern das Ergebnis guter Zusammenarbeit sind – zwischen Menschen mit ganz unterschiedlichen Aufgaben, aber einem gemeinsamen Ziel.

Zwischen Frankfurt  und der Weltmeisterschaft
 

Die laufende Weltmeisterschaft 2026 zeigt eindrucksvoll, wie früh die Vorbereitungen auf ein Turnier dieser Größenordnung beginnen. Während die Öffentlichkeit vor allem die Spiele verfolgt, liegt ein Großteil der Arbeit für Menschen wie Sebastian Breuing bereits hinter ihnen. Lange zuvor werden Standorte analysiert, Trainingsmöglichkeiten bewertet und Rahmenbedingungen geprüft. „Strategisch denken wir schon sehr früh“, sagt Breuing. Höhenlage, Temperatur, Luftfeuchtigkeit oder die Beschaffenheit der Spielfelder fließen dabei ebenso in die Bewertung ein wie klassische infrastrukturelle Fragen. Welche Gräser wachsen dort? Wie entwickeln sich die Flächen unter den jeweiligen klimatischen Bedingungen? Welche Belastungen sind zu erwarten? Wie sind die Wege zwischen Unterkunft und Trainingsplatz? Längst geht es nicht mehr nur um einen schönen grünen Platz. Es geht um Trainingsqualität, Regeneration und optimale Voraussetzungen für sportliche Höchstleistungen. Genau an dieser Schnittstelle aus Greenkeeping, Sportwissenschaft und strategischer Planung hat sich Breuings heutige Rolle entwickelt – weniger durch eine Stellenbeschreibung als durch die wachsende Nachfrage nach seinem Fachwissen und seine Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Und genau dort beginnt die Arbeit eines Greenkeepers. Wenn die Spieler noch gar nicht da sind. Wenn niemand zuschaut.

Wenn der Beruf  das Leben bestimmt
 

Wer so häufig unterwegs ist, zahlt dafür natürlich auch einen Preis. Reisen, Besichtigungen, Turniere und Abstimmungen gehören zum Alltag. Familie und Privatleben müssen mit einem ungewöhnlichen Berufsbild vereinbart werden. Breuing spricht darüber offen und ohne Pathos. Vielleicht auch deshalb, weil er weiß, dass vieles auf diesem Weg nur mit Rückhalt im privaten Umfeld möglich ist. 2002 heiratete er seine Frau, im kommenden Februar feiern beide Silberhochzeit. Als er davon erzählt, schwingt spürbarer Stolz mit. Ein Vierteljahrhundert Ehe neben einem Beruf, der oft Flexibilität, Reisen und lange Abwesenheiten verlangt, ist keine Selbstverständlichkeit.
 

Vielleicht ist ihm auch deshalb bewusst, wie außergewöhnlich sein eigener Weg verlaufen ist: vom Schüler im Fanshop zum Ansprechpartner für die Trainingsbedingungen deutscher Nationalmannschaften. Vom Garten- und Landschaftsbauer zu einem der bekanntesten Greenkeeper Deutschlands. Sein Vater, erzählt Breuing mit einem Lächeln, habe vermutlich irgendwann akzeptiert, dass aus dem ursprünglich angestrebten Studienabschluss zum Landschaftsarchitekten nichts mehr werden würde. Stolz sei er wahrscheinlich trotzdem – auch wenn das nicht unbedingt ausgesprochen werde.
 

Dabei hat er sich etwas bewahrt, das im Profisport nicht selbstverständlich ist: Humor. Als ein langjähriger Wegbegleiter ihm nach seinem Wechsel zum DFB augenzwinkernd gratulierte, fiel ein Satz, über den Breuing noch heute lachen kann: „Herzlichen Glückwunsch. Du bist jetzt der erste Beamten-Greenkeeper Deutschlands.“ Wer seinen Arbeitsalltag kennt, weiß allerdings, wie weit diese scherzhafte Beschreibung von der Realität entfernt ist.
 

Bodenhaftung als Erfolgsrezept
 

Vielleicht ist genau das die Geschichte von Sebastian Breuing: die Geschichte eines Menschen, der seinen Beruf von der Pike auf gelernt hat und dabei nie vergessen hat, wo er herkommt.
 

Was einst beim VfL Bochum begann, führte Sebastian Breuing schließlich auf den DFB-Campus. Die Leidenschaft für perfekte Spielflächen ist dabei über all die Jahre dieselbe geblieben. Vielleicht ist genau das das Geheimnis seines Erfolgs: Er muss nicht im Mittelpunkt stehen. Es genügt ihm, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass andere dort ihr Können unter besten Bedingungen entfalten und glänzen können.


SEBASTIAN BREUING IN ZAHLEN:

  • Jahrgang 1978, geboren in Bremen
  • 2001: Ausbildung im Garten- und Landschaftsbau
  • 2004: Einstieg Rasenabteilung VfL Bochum
  • 2005: Abschluss als staatlich geprüfter Greenkeeper, DEULA Bayern
  • 2006 – 2014: Leiter Rasenabteilung VfL Bochum
  • 2014 – 2021: Leiter Rasenabteilung SV Werder Bremen
  • Seit 2022 beim DFB, aktuell ,Koordinator Greenkeeping am DFB-Campus Frankfurt‘
  • Vorbereitung und Betreuung der DFB-Trainingsflächen bei internationalen Turnieren (A-Nationalmannschaften (Männer/Frauen), U 21 (Männer) und U 23 (Frauen)

SCHNELLE FRAGEN AN SEBASTIAN BREUING:

Was macht einen guten Greenkeeper aus?
Leidenschaft, Fachwissen und die Bereitschaft, ständig dazuzulernen.

Was sollte sich im Greenkeeping ändern?
Mehr Wertschätzung für den Beruf und die Menschen dahinter.

Was motiviert Sie bis heute?
Zu sehen, was man gemeinsam geschaffen hat.

Autor: Stefan Vogel | Greenkeepers Journal 2/26

 

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