Damit der Ball auch im Base Camp perfekt rollt
Hinter den Kulissen der Fußball-WM 2026
Sebastian Breuing ist nicht nur für die Pflege der Rasenflächen am DFB-Campus in Frankfurt verantwortlich, sondern begleitet auch die Vorbereitung und Betreuung der Trainings- und Spielflächen bei internationalen Turnieren der A-Nationalmannschaft und der U 21 bei den Männern. Im Gespräch mit dem Greenkeepers Journal gewährte er Beate Licht spannende Einblicke hinter die Kulissen der WM-Vorbereitungen. Das Interview entstand noch vor seiner finalen Abreise zur Weltmeisterschaft in die USA, die Bilder wurden später aus North Carolina nachgereicht.
? Sebastian, wie muss man sich das vorstellen, wann startete eigentlich der gesamte Prozess der Standortsuche?
! Mit einem Team von DFB-Mitarbeitern aus den für das Turnier relevanten Bereichen haben wir uns schon im vergangenen Jahr mehrere mögliche Team Base Camps in den USA angesehen. Aber erst nach der Auslosung am 05. Dezember 2025 und den im Anschluss feststehenden Spielorten der Vorrunde konnten wir die Pläne finalisieren.
? Die Trainingsflächen sind ja entscheidend für die Vorbereitung und spielen auch während des gesamten Turniers eine wichtige Rolle?
! Das stimmt. Um perfekt Fußball spielen zu können, müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen. An der Wake Forest University stehen drei Fußballplätze in gutem Zustand zur Verfügung. Ein Vorteil ist zudem, dass das Gelände vom Hotel aus mit dem Fahrrad oder zu Fuß gut erreichbar ist.
? Nachdem der Standort feststand: Was waren Deine ersten Aufgaben vor Ort?
! Meine erste Aufgabe war tatsächlich die Bestandsaufnahme. Als ich den Platz zum ersten Mal gesehen habe, befand er sich noch in der absoluten Winterdormanz. Es gab nur totes Pflanzenmaterial, da das Bermudagras zu diesem Zeitpunkt noch im Winterschlaf war und es zudem – zum ersten Mal seit 20 Jahren – in North Carolina unter einer geschlossenen Schneedecke gelegen hatte. Insofern war der Start eher suboptimal. Wir haben dann mit dem Team vor Ort gesprochen, das die Gegebenheiten am besten kennt, und auf Grundlage der gemeinsamen Einschätzung einen Maßnahmenplan erstellt.
? Wer gehört zum Team vor Ort?
! Die Greenkeeper der University, die auch die Football-Plätze und die Golfanlage pflegen.
? Der erste Eindruck der Plätze war also eher erschreckend?
! Allerdings! Unser Ziel war es deshalb zunächst, das Bermudagras möglichst schnell aus dem Winterschlaf zu holen. Als Erstes haben wir externe Belichtungseinheiten besorgt. Zum einen gibt es aufgrund von Bäumen Schattenbereiche mit mangelnder Lichtqualität, zum anderen schaffen es die Infrarotlampen tatsächlich, den Boden künstlich zu erwärmen. Die nächste Anschaffung waren Wachstumsfolien, die ebenfalls das Entstehen optimalerer Bodentemperaturen unterstützen.
? Das klingt spannend, aber Gras wächst ja bekanntlich nicht schneller, wenn man daran zieht.
! (Lacht) Das stimmt leider, aber es hat dann ja ganz gut funktioniert. Trotzdem blieben die Bedenken des Teams vor Ort. In ihren Augen waren wir auch einfach vier Wochen zu früh. Aber die WM nimmt nun mal keine Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Gräser. Bei meinem nächsten Besuch war dann auch das Labor Lehmacher-Schneider dabei. Wir haben detaillierte Analysen durchgeführt, z.B. Körnungslinien erstellt und die Wasserdurchlässigkeit überprüft. Auf beiden Plätzen wurden zusätzlich Qualitätsanalysen nach dem FIFA-Bewertungssystem vorgenommen. Dabei werden wichtige spieltechnische Kenngrößen wie Ballrücksprung- und Rollverhalten erfasst. Auf Grundlage der Ergebnisse haben wir das weitere Pflegeprogramm ausgearbeitet – inklusive mechanischer Maßnahmen wie Vertikutieren, Aerifizieren und Besanden.
Aus Deutschland wurden zwei Spindelmäher und zwei Sichelmäher per Schiff transportiert. Zudem wurden Fangkörbe gekauft, so dass wir die Plätze immer mit Schnittgut-Aufnahme mähen können. Auch eine Vertikutier-Kassette musste angeschafft werden, um etwas sensibler vertikutieren zu können.
? Diese Pflegearbeiten erledigt dann das amerikanische Pflegeteam?
! Ja, und ich stehe tatsächlich täglich mit ihnen im Austausch – unterstützt und dokumentiert durch Fotos. Über die Bilder ist man quasi hautnah dabei, auch wenn z.B. auf einmal stark sichtbare Schäden durch Hydrauliköl auf dem Rasen auftreten …
Trotzdem ist es schwierig, ,Greenkeeping aus der Distanz‘ zu betreiben. Man ,fühlt‘ den Platz nicht, sieht nicht live die Ergebnisse von Maßnahmen, die man zwar beschlossen hat, aber unter anderen Eindrücken vielleicht so nicht treffen würde. Deshalb haben wir zusätzlich Turf Pods der Firma SGL angeschafft. So können wir die Entwicklung besser verfolgen: Was passiert im Boden, wie sehen die Wachstumsbedingungen für die Gräser aus, was können wir noch optimieren usw.
Während des gesamten Turniers bin ich in den USA vor Ort. Unterstützt werde ich von zwei Mitarbeitern der Firma Heiler aus Deutschland so sind wir während des gesamten Turnierzeitraums zu dritt.
? Der Grasbestand besteht also aus Bermudagras?
! Genau. Im Stadion haben wir die Sorte ,Tahoma 31‘, eine sehr moderne und leistungsstarke Hybrid-Grassorte und auf den Trainingsplätzen ,TifTuf‘.
Die Universität hat uns von Beginn an eine Übersaat mit ,Cool-Season-Gräsern‘ untersagt, für sie sind es tatsächlich ,Ungräser‘. Dabei wäre es, auch im Hinblick auf die Qualität der eigenen Fußballplätze, ein interessanter Ansatz gewesen: Derzeit sind Cool-Season-Gräser nur auf den Flächen der Football-Mannschaft zu finden. Das zeigt den geringen Stellenwert, den ,Soccer‘ im Vergleich zum Football hat. Es ist halt eine Randsportart und deshalb haben wir von Anfang an darum gebeten, Unterstützung zu bekommen, weil keine Erfahrungen mit den Ansprüchen solch hochklassiger Mannschaften vorliegen.
Ein Thema wird auch sein, wie wir mit diesem Bestand ein Schachbrettmuster erzeugen können. Vermutlich werden zwei Personen per Hand den Platz mähen, während eine dritte Person mit einem Aufsitzmäher versucht, das Muster zu erzeugen.
? Fußball und Greenkeeping sind in Deutschland also verschieden aufgestellt?
! Ja. Das beginnt beim Stellenwert der Sportart – daraus ergeben sich Budgets und Pflegepläne. Es gibt aber auch Unterschiede zwischen Universitäts-Clubs ohne namhafte Fußballmannschaften und den Major-League-Soccer-Clubs, die durchaus auf europäischem Niveau arbeiten. Ein weiterer Unterschied ist die Pflegephilosophie: wenige mechanische Maßnahmen, hohe Düngergaben und ein starker Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.
? Die Arbeit mit Warm-Season-Gräsern ist doch sicher für Dich eine neue Erfahrung?
! Was mir sehr geholfen hat, war eine 400 m² große Versuchsfläche mit C4-Gräsern auf dem DFB-Campus. Dort haben wir ,Sprigging‘ und Sode miteinander verglichen und konnten so die Entwicklung der Gräser beobachten. Daraus ergab sich auch die Erkenntnis, dass sich der Platz keinesfalls vegetativ von außen nach innen zuzieht. Deshalb haben wir beschlossen, auf beiden Plätzen großflächig Torräume und Bereiche der Mittelachse mit Soden zu belegen.
? Wem Du die Daumen drückst, brauche ich ja nicht zu fragen?
! Natürlich Deutschland. Auch wenn eine Teilnahme an der Endrunde einen längeren Aufenthalt in den USA bedeutet – als Greenkeeper hat man die Chance, Teil eines großartigen Teams bei einem solchen Event zu sein. Was gibt es Schöneres? Und die nächste Weltmeisterschaft (Anm. d. Red.: der Frauen) steht ja 2027 schon vor der Tür – erstmals in Südamerika.
Lieber Sebastian, vielen Dank für diese Einblicke, wir freuen uns auf einen Austausch über das Erlebte im Nachgang der WM.
Das Gespräch führte Beate Licht | Greenkeepers Journal 2/26







