Wie vermittelt man den ökologischen Wert von Golfplätzen? Beispielsweise mit dem:
Birdiebook der Biodiversität
Wussten Sie, wer den Begriff Birdie geprägt hat? Der Hobbygolfer Ab Smith war’s, 1898 im Atlanta City Country Club, als er einem gelungenen Annäherungsschlag voller Begeisterung hinterherrief: „What a bird of shot!“ Anschließend lochte er den Ball zu eins unter Par, und seither hat jeder Golfer gern eine Meise. Oder was Größeres. Die Steigerungen Eagle und Albatros sind ja nur folgerichtig. Je besser das Lochergebnis, desto mehr piept’s bei uns.
Selten genug, dass einem ,Freizeithacker‘ solch ein traumhafter Treffer gelingt. Ein Vögelchen freilich hatte jeder schon mal auf dem Schläger. Deswegen hat sich im deutschsprachigen Raum das Birdie Book oder Birdiebuch als Begriff für geklammerte oder spiralgebundene Reiseführer auf der Runde eingebürgert, die gute Golfanlagen für Gäste bereithalten – als Vademecum der Verheißung auf einen guten Score. Anglophile Golfer wiederum sprechen vom Yardage Book. Oder – nomen est omen – vom Stroke Saver, nach dem amerikanischen Marktführer derartiger Publikationen.
Vom Birdie zum Birdiebook der Natur
Sei’s drum, der Inhalt ist letztlich identisch: präzise Darstellungen von jedem Loch, Vermessungen der Bahn, Distanzen von und zu Land- und Platzmarken, idealerweise detaillierte Grünansichten mit Slopes und Breaks, dazu womöglich ein bisschen Drumherum über den Club und manchmal weise Worte des Designers, der Tipps zum Fortkommen auf dem Geläuf vermittelt, dessen Gestaltung er zu verantworten hat. Auf dass tatsächlich ein paar Birdies zu notieren sind. Eine Garantie freilich gibt’s nicht.
Es sei denn, man hat das Birdiebook der Natur in der Hand, das der Golfclub Kitzbüheler Alpen Westendorf im Juli 2025 herausgegeben hat und das seinen Titel im Wortsinn erfüllt. Man muss bloß rein- und sich dann um- oder nach oben schauen. „Dieses besondere Birdiebook begleitet Euch nicht nur über die 18 Spielbahnen unseres Golfplatzes, sondern soll auch dazu einladen, die Vielfalt der hier heimischen Tier- und Pflanzenwelt zu entdecken“, schreibt Präsident Jakob Haselsberger im Vorwort. „Jede Bahn stellt beispielhaft eine Art vor – vertraut, selten oder überraschend – und zeigt, wie wertvoll und schützenswert die Natur entlang unseres Platzes ist.“

Artenvielfalt auf jeder Spielbahn
Das biologische Potpourri beginnt mit der Meise und der Minze auf Loch 1 und endet mit den Wächtern am Wasser, dem Graureiher und der Trauerweide. Dazwischen entfaltet sich ein Kaleidoskop der Vielfalt von Fauna und Flora: Kleiber, Gimpel, Stieglitz, Zaunkönig; Erika, Königskerze, Beeren, Pilze. Und und und. Selbst das Paar der asiatischen Rostgänse ist aufgeführt, das jeden Frühling zwischen Bahn 9 und 18 brütet. „Dass sich diese nicht-heimische Art ausgerechnet hier so wohlfühlt, ist kein Zufall: Der Golfplatz bietet Ruhe, Wasserzugang und offene Flächen – ideale Bedingungen für die Tierwelt“, heißt es an entsprechender Stelle im Birdiebuch.
Und weiter: „Entlang von Bahn 9 erscheinen im Spätsommer die Mönchsköpfe – trichterförmige Pilze, die in Gruppen aus dem Boden sprießen. Ihr ungewöhnliches Aussehen erinnert an kleine Kappen oder Hüte – ein echter Hingucker für aufmerksame Golfer. Sie gehören zu den wichtigen Bodenbewohnern, zersetzen Pflanzenmaterial und tragen damit zur Nährstoffversorgung des Ökosystems bei.“ Es ist eine ziemliche pfiffige Idee, die Bedeutung dieses speziellen Schutzraums für Artenvielfalt und Biodiversität auf solche Art und Weise zu vermitteln.
Green Event als gelebte Nachhaltigkeit
Das Birdiebook der Natur wurde anlässlich des Gastspiels der Austrian Junior Golf Tour kreiert und aufgelegt, das die Westendorfer Anfang Juli 2025 zum zweiten Mal nach 2023 als sogenanntes Green Event ausgerichtet haben. „Wir sind der erste Club hierzulande, der ein Golfturnier als Green Event gestaltet“, sagt der seit 2017 als Präsident des Clubs amtierende Haselsberger im Gespräch mit dem Greenkeepers Journal. Das Engagement basiert auf einer Initiative des österreichischen Bundesministeriums für Umwelt und einer Kooperation mit dem Klimabündnis Tirol. „So etwas gibt es allerdings in jedem Bundesland“, verdeutlicht Haselsberger. „Es werden Events unterstützt, die unter einem besonderen Nachhaltigkeitsthema veranstaltet werden.“
Das Green Event beginnt schon mit der Anreise. Bei den meisten Nachhaltigkeitsvorhaben dieser Art ist dieser Aspekt eher eine Mogelpackung, siehe die als ,Greenest Show on Earth‘ beworbene Waste Management Phoenix Open auf der PGA Tour oder das Ziel der DP World Tour, mit dem ,Green Drive‘-Programm die Umweltbelastung bis 2030 um 50 Prozent zu reduzieren und bis 2040 vollständig CO2-neutral zu sein. Derweil kommen Zuschauer und Teilnehmer mit dem Auto oder per Linienflug, und die Stars der Szene reisen ohnehin mit dem Privatjet an, was Rory McIlroy beispielsweise „massive Schuldgefühle“ hinsichtlich seines ökologischen Fußabdrucks verursacht, die der Nordire nach eigenem Bekunden immerhin mit Ablasszahlungen zugunsten von Klimaschutzprojekten oder in entsprechende Fonds zu kompensieren versucht.
Nach Westendorf kommen die 156 Aktiven aus Österreich, aus Bayern, aus der Schweiz, aus Tschechien und aus Ungarn sowie ihr Anhang mit dem Zug, der Club richtet einen Shuttledienst mit E-Bussen vom Bahnhof zur Anlage ein. Das Ganze geht hin bis zur Ausrichtung der Speisekarte auf regionale Produkte. Es gibt ein Mülltrennungssystem und keine Plastikflaschen, doch das sollte sich eh fast von selbst verstehen. Westendorf hat Trinkwasserbrunnen gebaut, aus denen bei Bedarf frisches Tiroler Quellwasser in die vom Pro-Shop verkauften Mehrwegflaschen sprudelt. „Die bei uns dadurch eingesparten fünfhundert Plastikflaschen im Jahr allein retten die Welt nicht“, weiß Haselsberger. „Aber es geht ja um Bewusstseinsbildung. Und wenn man so etwas mit der Jugend macht, dann passt das schon richtig.“ Oder wie es im Birdiebuch heißt: „Der Golfplatz präsentiert sich als ein Ort des Naturschutzes, der Lebensräume bewahrt und neue schafft: fair für Natur und Spiel.“
Dafür muss man halt manchmal aufs sprichwörtliche Holz klopfen. Im Westendorfer Fall war es tatsächlich der Specht, der die Initialzündung für das Birdiebook der Natur lieferte. Irgendwann, erinnert sich Haselsberger, habe er Trevor Mitchell, den Chef von Westendorfs Platzpflegetruppe, mal auf das hämmernde Stakkato des Meißelschnabels aufmerksam gemacht. Und der habe erwidert: „Ja, du weißt schon, dass wir hier fünf verschiedene Spechtarten haben.“
Golfplatz als Lebensraum
Wohl dem, der einen Head-Greenkeeper mit ornithologischer Passion hat. „Wir sind ins Reden gekommen und haben überlegt, wie man den Leuten vermitteln kann, dass der Golfplatz hier eine Oase der Natur ist“, so Haselsberger. „Gerade wir sind sehr naturnah. Unser Platz ist gerade mal gut zehn Jahre alt und in eine natürliche Umgebung und den alten Baumbestand eingebettet worden. Das ist schon ein bisschen unser Alleinstellungsmerkmal.“
30 Hektar wurden für die Anlage des 18-Löcher-Golfplatzes gerodet, jedoch im Gegenzug 10.000 neue Bäume als Ausgleichsmaßnahme gepflanzt. „Und“, betont Haselsberger, „wir haben den vorhandenen Wald durchforstet, durchmischt und gepflegt, denn das war eine Fichtenmonokultur, krank und mit Borkenkäfern durchseucht. Der Wald konnte nur besser werden.“ Da war die Forstbehörde sogar froh über das Golfplatzprojekt. „Ich weiß, dass sich seitdem wieder viele Arten angesiedelt haben.“
Im Birdiebook der Natur Nature lässt sich das nachschlagen – mal abgesehen davon, dass es in Westendorf natürlich Honig von den Golfplatzbienen gibt, weil einer der Greenkeeper sich als Imker betätigt. Und die Küchencrew kocht Marmelade aus den Moosbeeren, Himbeeren und Erdbeeren, die auf der Anlage geerntet werden. Oder braut Holunderpunsch … „Das geht alles Hand in Hand mit der Fauna, die wir haben, und stellt eine Beziehung zum Platz her“, sagt Präsident Haselsberger.
Jedenfalls: Trevor Mitchell sorgte auf den meisten Seiten des Booklets für die entsprechenden Illustrationen. Der Engländer hat die Fotografie als eine Art zweites Hobby entdeckt und die Kamera mit der langen Linse auf seinen Fahrten über den Platz immer dabei. Als hätte er mit dem Umstand nicht genug zu tun, einen Platz in der Spanne von nur sieben Monaten auf Top-Niveau zu bringen und zu halten, bevor der nächste Winter mit Frost und Schnee kommt: „Wir haben einen wirklichen Naturplatz. Für den ist es ein Vorteil, wenn er vier, fünf Monate Ruhe hat. Für uns hingegen ist das ziemlich herausfordernd.“ Trotzdem legt er sich in seiner kargen Freizeit auch ganz bewusst auf die Lauer und nimmt Flora und Fauna ins Kameravisier.
Das Ergebnis ist die gebundene Veranschaulichung des ökologischen Werts, den ein verantwortungsbewusst und nachhaltig geführter Golfplatz haben kann – selbst in einer gemeinhin als Naturraum angenommen Region wie dem Tiroler Brixental, das letztlich durch Agrar- und Fortwirtschaft vor allem Kulturlandschaft ist.
Wie eingangs angesprochen, gibt es keine Garantie auf Birdies. Doch beim Golfspiel in Westendorf zeigen sich bestimmt ein paar der gefiederten Gefährten, versprochen. Nicht auf jeder Bahn, klar. Aber 18 Birdies auf eine Runde hat bislang auch nur ein gewisser Kim Jong-il erzielt, wie die nordkoreanischen Staatsmedien mal im Diktatoren-Duktus behauptet haben. Oder elf Eagles. 38 unter Par. Irgend sowas. Egal.
Deutlich seriöser belegt ist das erste Birdie beziehungsweise Yardage Book. Wer hat’s erfunden? Deane Beman, der 1974 zum ersten Commissioner der PGA Tour avancierte und den Bau des TPC Sawgrass verantwortete, der alljährlich und gerade erst wieder Schauplatz des Tour-Flaggschiff-Events The Players Championship ist. Besagter Beman war noch ein hoffnungsvoller Juniorenspieler, als er 1954 begann, die wichtigsten Entfernungen auf den von ihm bespielten Golfplätzen systematisch zu vermessen und aufzuzeichnen.
Anfangs verlacht, fand der zweifache US-Amateurmeister später berühmte Nachahmer. Jack Nicklaus beispielsweise. „Er hat sich von mir inspirieren lassen“, hat der bald 88-jährige Beman 2016 dem Magazin Golf Digest erzählt: „Ich glaube nicht, dass Jack fortan jemals eine Runde gespielt hat, ohne die Länge jedes vor ihm liegenden Schlags wirklich genau zu kennen.“ Der Rest ist Geschichte: „The Golden Bear“ Nicklaus, heute 86 Jahre alt, wurde zum Jahrhundertgolfer, gewann bislang unerreichte 18 Majors und insgesamt 73 Turniertitel auf der Tour. Allein beim Masters, das er als bislang einziger sechs Mal gewann und das Mitte April zum 90. Mal gespielt wird, ,schoss‘ er bei 45 Teilnahmen 506 Birdies und 24 Eagles – auch dies Rekorde. Was zu beweisen war.
Autor: Michael F. Basche | Greenkeepers Journal 1/26




