Seniorengolfer entscheiden über die Zukunft der Clubs
Generation 50+
Wie viele andere Sportarten auch differenziert sich der Golfsport aus. In der Spitze haben sich die verschiedenen Profi-Touren und die Olympischen Spiele etabliert, es gibt einen Kader- und Leistungssport für Amateure bis hinunter auf die regionale Ebene in unterschiedlichen Altersklassen und die clubinternen, handicapwirksamen Breitensportturniere. Den größten Anteil am Golfsport haben die ,Privatrunden‘ ohne Wettbewerbscharakter; nach dem DGV-Betriebsvergleich entfallen bei 18-Löcher-Anlagen 87 % hierauf. Zu den weiteren Strukturmerkmalen des Golfsports gehören veränderte Wachstumstreiber. Beim klassischen Golf innerhalb und außerhalb der Clubs erfolgt das Wachstum aufgrund neuer Mitgliedschaftsmodelle; ein gutes Beispiel hierfür sind die Angebote der VcG. Wachstumstreiber sind auch das Indoor-Golf sowie ,Out-of-course-Angebote‘. Junge Menschen fragen vor allem Event- und Abenteuergolf ohne Vereinsbindung nach. Sie werden von der traditionellen Vollmitgliedschaft kaum noch direkt angesprochen, sondern finden ihren Weg zum klassischen Golfsport eher über ,Spaßgolf‘.
Dies zeigt, dass eine Ausdifferenzierung nach Zielgruppen notwendig ist. Ein Kriterium ist hierbei das Alter, da verschiedene Altersgruppen deutlich unterschiedliche Erwartungen an Golf haben. Es ist evident, dass nur mit adäquaten Angeboten eine längerfristige Bindung einzelner Gruppen an einen Golfclub zu realisieren ist. Ein Angebot mit nur einer Mitgliedsform, dem Vollmitglied, lässt sich nur noch bei wenigen traditionellen Golfclubs aufrecht erhalten.
Seniorengolf als ökonomische Basis
Der Zielgruppe der Seniorinnen und Senioren ist besondere Aufmerksamkeit zu schenken, allein, weil sie die größte Kohorte sind. Der ökonomische Nutzen für Golfanlagen basiert auf ihrem hohen ,Customer Lifetime Value‘ (CLV). Menschen, die im Alter von 55 Jahren mit dem Golfspielen beginnen, haben biologisch in der Regel noch mehr als 20 Jahre Golfspielen vor sich. Oft investieren sie hohe Summen in Golfausrüstung, Golfbekleidung sowie Trainerstunden und sind eine wichtige Stütze der Restauration. Außerdem müssen sie regional nicht mehr mobil sein, weshalb sie eine dauerhafte Mitgliedschaft anstreben.
Fasst man alle Nutzenarten zusammen, dann dürften Seniorinnen und Senioren in vielen Golfclubs das finanzielle Rückgrat sein. Dies hat positive Folgen auch für die übrigen Kohorten: Von jungen Menschen können günstigere Mitgliedsbeiträge erhoben und das Kinder- und Jugendgolf kann quersubventioniert werden. Zudem wird ein harmonischer Aufbau der Altersgruppen für die langfristige ökonomische Absicherung einer Golfanlage angestrebt. Entgegen der oft kolportierten Meinung sind Konflikte zwischen den Alterskohorten nicht zwangsläufig. Die Vorteile überwiegen und auch bezüglich Umwelt- und Klimaschutz verschafft eine gesunde finanzielle Basis den Golfclubs ein höheres Potenzial an Förderungsmöglichkeiten.
Erwartungen älterer Golfer und Konsequenzen für Clubs
Entsprechend sollten in der strategischen Ausrichtung einer Golfanlage die Erwartungen der Seniorinnen und Senioren Berücksichtigung finden. Wie aufgezeigt, unterscheiden diese sich erheblich von denen jüngerer Golfer. Konkret zeigen dies folgende Beispiele: Ältere Golfer suchen stärker sozialen Anschluss und Geselligkeit als jüngere. ,Lieber gemeinsam als einsam‘ hat bei ihnen eine hohe Bedeutung. Nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben oder dem Verlust des Partners ist die Vermeidung von Einsamkeit eine zentrale Motivation. Leider fällt es in vielen Golfclubs schwer, soziale Kontakte zu gewinnen. Nicht selten erschweren eine unzureichende Willkommenskultur und die nicht adäquate Clubrestauration die soziale Integration. Es ist prekär für die Clubbindung, wenn die vulnerable persönliche Situation der Seniorinnen und Senioren nicht aufgefangen werden kann.
Ein zweites, auf den ersten Blick widersprüchliches Ziel ist der Erwerb einer ,dauerhaften Mitgliedschaft‘, da mit dem Ausscheiden aus dem Berufsleben oft das verfügbare Einkommen drastisch sinkt. Salopp ausgedrückt: Viele Seniorinnen und Senioren möchten Vollmitglieder bleiben, können es sich aber finanziell nicht (mehr) leisten. Statt faktisch den Austritt zu forcieren oder Senioren in Fernmitgliedschaften zu treiben, könnten Golfclubs Seniorenmitgliedschaften anbieten. Dies sind zum Beispiel Wochentags- und 9-Löcher-Mitgliedschaften bis hin zu generellen Preisreduzierungen ab einem bestimmten Lebensalter. Dies erlaubt den Verbleib im Golfclub bei reduzierten Gebühren. Zumal derartige eingeschränkte Spielberechtigungen dem reduzierten Spielverhalten älterer Senioren entsprechen: Mit fortgeschrittenem Lebensalter können auch erfahrende Golfer oft keine 18 Löcher mehr spielen oder benötigen hierfür ein Cart. Da sie meistens unter der Woche spielen, nehmen sie den berufstätigen Mitgliedern auch keine Startplätze weg.
Eine weitere Zielsetzung ist der Spaß am Golf selbst, der stark von der Platzarchitektur und den Regeln abhängt. Mit der Ökonomisierung des Golfs wurden in den vergangenen Jahrzehnten etliche Golfplätze immer länger gebaut. Dies galt als ein vermeintliches Qualitätsmerkmal für junge Leistungsgolfer. Zudem wurde der Schwierigkeitsgrad durch Topfbunker oder zu überspielende Wasserhindernisse erhöht. Aber der Verweis auf bekannte Designer und Profigolfer bedeutet nicht, dass jede Golferin und jeder Golfer diesen Platz mit Spaß, Freude und gutem Ergebnis spielen kann. Derartige Plätze können zu einem Handicap für ältere Golfer werden, da sie mit zunehmendem Alter an Schlaglänge verlieren. Statistiken der Schlaglängen zeigen, dass insbesondere für Frauen die meisten Plätze zu lang sind; vielleicht ist dies auch ein Grund für die relativ wenigen Golferinnen? Daraus folgt, dass hinsichtlich der Abschläge eine Ausdifferenzierung nötig ist. Bislang gilt eine zu einfache ,Farborientierung‘: ,Ein Mann spielt von Gelb!‘ und für die Frauen gibt es keine kürzeren Abschläge als ,Rot‘. Dadurch sind für Freizeitgolferinnen und -golfer ,Grüns in Regulation‘ (GiR), PARs und Birdies oft unerreichbar. Diese stellen aber für alle Golferinnen und Golfer wesentliche Erfolgsmerkmale dar. Spielt man ein PAR oder gar ein Birdie, ist man stolz und freut sich. Ist das aufgrund der Golfplatzarchitektur nicht möglich, führt dies zu Frustration und reduzierten Spaß am Spiel.
Unterschätztes Risiko: Kognitive Dissonanzen
Diese Erkenntnisse leiten zu einem Phänomen, das im Golfsport bisher weitgehend unbeachtet ist: den kognitiven Dissonanzen. Dem Golfsport liegt ein Paradigma zugrunde, welches die sportliche Leistung und ihre Messung in den Mittelpunkt stellt. Dieses aber erscheint ein erhebliches Risiko für die dauerhafte Bindung von Seniorinnen und Senioren zu sein. Denn Golf ist eben nicht nur ein Breiten- und Leistungssport, sondern sowohl in seiner passiven als auch in seiner aktiven Form eine Freizeitbeschäftigung. Geselligkeit und Spaß am Golfspiel sollten gerade bei Senioren dasselbe Gewicht haben wie die sportliche Leistung – wahrscheinlich eher mehr.
Das Regelwerk orientiert sich an der ,wahren Spielstärke‘ und das Ziel des 2021 eingeführten ,World Handicap Systems‘ ist es, eine weltweit ,faire Basis‘ zum Messen mit anderen Spielern zu schaffen. Hierzu gehört die weitgehend verbindliche Vorgabewirksamkeit von Turnieren und ein ,Score Differential‘, mit dem der ,Handicap-Index‘ errechnet wird. Dieser Ansatz erscheint prima vista ,gerecht‘, da die ,Orientierung an der tatsächlichen Spielstärke‘ erfolgt. Solange der sportliche Wettbewerb geregelt werden soll, ist dies zweifelsohne so. Die Realität des Golfspielens ist jedoch eine andere: Golfspielen erfolgt überwiegend in Privatrunden ohne Leistungsvergleich. Insofern ist es fraglich, ob ein ,Aufweichen des Golfsports‘ wirklich so schädlich ist wie von den Protagonisten behauptet. Denn beim nächsten Turnier zeigt sich sowohl im Brutto- wie im Nettoergebnis die ,wahre Spielstärke‘ – und durch den CR-Ausgleich kann auch beim Bruttoergebnis von unterschiedlichen Tees gespielt werden.
Viele Senioren, die Golf weitgehend als Freizeitsport verstehen, wenden bereits heute Ausweich- und Umgehungsstrategien an, um vor allem Spaß zu haben. Sie wollen auch nicht vorgabewirksame Turniere spielen können. Daher werden Spielformen gewählt, die nicht Handicap-relevant sein können. Beispiele hierfür sind viele Teamformate wie Scramble oder Vierer, die Beschränkung auf maximal 13 Schläger oder die Mitnahme eines helfenden Golfpros. Kritiker sehen hierin den Versuch, eine ,künstliche Verbesserung bzw. den Erhalt eines nicht mehr aktuellen Handicaps‘ zu ermöglichen. Auch wenn hiermit eine ,heilige Kuh geschlachtet‘ wird, ist zumindest für Freizeitgolfer zu hinterfragen, ob die Regelungen einer ,gerechten Handicapführung‘ wirklich zielführend sind. Denn der ursprüngliche Sinn des Handicaps war es, dass Golfer aller Spielstärken miteinander spielen können und nicht die Jagd nach Score und Handicap. Harvey Penick, der Guru der Golfprofessionals, hat bereits vor Jahrzehnten den Amateuren das Lochspiel empfohlen, damit sie mehr Spaß am Golfen haben und nicht immer auf ihr Handicap schielen.
In der Diskussion um das ,World Handicap System‘ blieben die hierdurch ausgelösten Frustrationen, die durch den Widerspruch von persönlichem Anspruch und tatsächlichen Resultaten entstehen (kognitiven Dissonanzen), weitgehend unbeachtet. Unbeschadet der mathematischen Richtigkeit des Algorithmus für den Handicap-Index sollten diese Effekte in Betracht gezogen werden. Vor allem, da die Entwicklung des eigenen Handicaps heute schwerer nachvollziehbar ist als nach den früheren EGA-Regeln. Für viele Golfer ist es emotional schwer zu ertragen, dass sich das eigene Handicap trotz Turniergewinn und Unterspielung verschlechtert hat. Die dadurch hervorgerufenen kognitiven Dissonanzen lösen negative emotionale Reaktionen aus, die man zu beseitigen versucht (Dissonanzreduktion). Bei Golfern, die sich über Jahrzehnte ein 10er-HCP erspielt haben, löst der Absturz auf HCP 26,5 eine starke Dissonanz aus. Die Dissonanzreduktion führt dann häufig zur Abwertung der persönlichen Bedeutung des Golfspiels und letztlich zum Ende ihres Golfinteresses und Ausscheiden aus dem Golfsport.
Weiterhin ist auch das Golfimage zu berücksichtigen. Trotz positiver Entwicklungen ist das Image des Golfsports in breiten Bevölkerungsschichten immer noch das einer snobistischen Alte-Leute-Beschäftigung ohne sportliche Ambitionen. Gerade ältere Golfer stehen nicht selten in einem Legitimationskonflikt mit ihrer sozialen Umwelt und müssen ihr ,teures Golfspielen‘ verteidigen. Der Konflikt verstärkt sich, wenn nur noch selten oder nur 9 Löcher bei weiter vollem Mitgliedsbeitrag gespielt werden können. Dann muss man die Entscheidung auch vor sich selbst legitimieren, woraus wiederum kognitiven Dissonanzen entstehen können.
360°-Seniorengolf-Modell
Die Analyse der Ursachen legt es nahe, den Begriff des Paradigmenwechsels heranzuziehen, um der stärksten Golferkohorte ein angemessenes Konzept zu geben. Nur so erscheint es möglich, dass ihre Bedürfnisse berücksichtigt werden, was für die meisten Golfclubs (über)lebenswichtig sein dürfte. Es lässt sich wohlfeil über die ,Vergreisung des Golfsports‘ fabulieren. Tatsache ist, dass ohne diese Alterskohorte die Mehrzahl der deutschen Golfclubs wohl kaum lebensfähig wäre.
Dabei macht es wenig Sinn, einzelne Maßnahmen solitär anzuwenden. Bereits heute existieren auf vielen Golfanlagen Maßnahmen und Aktionen für Seniorinnen und Senioren. Ziel muss es sein, diese zusammenzufassen und bestehende Wissens- und Erkenntnisdefizite auszufüllen. Ein erstes Konzept, das sicherlich weiterzuentwickeln und zu ergänzen ist, differenziert zunächst vier Maßnahmenbereiche, die aufeinander bezogen und miteinander verknüpft sind:
- Onboarding und Willkommenskultur: Neugolfer 50+ sollen dadurch gebunden werden, dass sie im Golfclub ihre sportliche und soziale Heimat finden. Hierzu gehören altersgerechte Mitgliedschaftsmodelle, klare Zuständigkeiten sowie eine entsprechende Clubausstattung und Restauration.
- Altersgerechtes Golfen und Golftraining: Die bestehenden Ausweichstrategien sollen für Seniorengolfer zu Regel-Spielformen musterhaft weiterentwickelt werden. Der Erhalt eines einmal erreichten Handicaps soll Vorrang vor der Vergleichbarkeit eines ,fairen Wettbewerbs‘ haben. Ein Schwerpunkt ist das Golftraining, weil Spielfreude und der Verbleib im Golfsport eindeutig mit der Spielstärke korrelieren. Jeder Golfpro weiß, wie sensibel der Übergang von der Driving-Range auf den Platz ist. Anstelle von Schwungkorrekturen soll das individuelle Spiel verbessert werden. Das Gruppentraining sollte der Regelunterricht werden, da neben der Spielverbesserung hiermit auch die soziale Integration gefördert wird. Sportdidaktisch soll die ,Ballschule 50+‘ zugrundegelegt werden.
- Spielformen und Regeln für Seniorengolfer: Spaß- und gruppenorientierte Turnierformen sollen im Vordergrund stehen. Ein umfassendes Angebot des Seniorengolfs mit Reisen und Zugehörigkeitsvereinbarung soll die Integration fördern. Bei den Spielformen sollten Zweier-, Dreier- und Mannschaftsspiele als Formate Vorrang haben. Besonderes Augenmerk ist auf die Anpassung der Platzlänge an die Spielstärke zu richten (,Tee-it Forward‘; ,Platzvielfalt‘). Insbesondere ältere Golfer, die nur noch selten ihre frühere Leistungsstärke und Schlagweite erreichen, erleben Frustrationen, wenn sie nicht von passenden Tees spielen. Neben weiter vorne platzierten Teeboxen sollten die geschlechtsbezogenen Farbmarkierungen durch Hektometer-Tees ersetzt werden.
- Gesundheitsförderung: Die Wirksamkeit von Golf für die Gesundheit wurde unter anderem 2008 durch das schwedischen Karolinska Institute nachgewiesen. Mittlerweile zeigen zahlreiche Forschungsarbeiten, dass moderate Bewegung in der Natur, bekannt als ,Green Exercise‘, deutliche Effekte hinsichtlich einer Förderung von Gesundheit und Prävention von Erkrankungen zeigt. Dies gilt auch gerade hinsichtlich psychischer Gesundheit und Wohlbefinden durch beispielsweise Stressreduktion. Es lassen sich zahlreiche Forschungen und Praxishilfen von Demenzprävention, ,Glück und Gesundheit‘ bis hin zu Apoplexie- und Herzsportgruppen denken. Gesundheitsthemen führen erfahrungsgemäß zwar kaum zum Eintritt in den Golfsport, geben aber einen hohen Anreiz zum Verbleib. Nicht zuletzt wird in einer älter werdenden Gesellschaft das Thema Longevity (Langlebigkeit) immer bedeutsamer. Vor allem geht es darum, bis ins hohe Alter körperlich und geistig fit zu bleiben. Dafür ist Golf eine ideale Sportart. Voraussetzung ist hierfür jedoch die Individualisierung der entsprechenden Angebote.
Autoren: Univ.-Prof. Dr. Dr. Jürgen Beckmann & Prof. Dr. Rüdiger Falk | golfmanager 2/26
