Gedöns um die Gender-Tees
Plädoyer für Abschläge, die zum individuellen Golf passen – weg mit überkommener Farbenlehre und den Geschlechterklischees bei Abschlagboxen. Was zählt, sind Schlag-Fertigkeit und Spielspaß.
Vorab ein Hinweis in eigener Sache, sozusagen ein Beipackzettel. Die folgenden Zeilen sind nicht frei von Risiken und Nebenwirkungen: Fakten mischen sich mit Fama, Unstrittiges bedarf beinahe zwingend eines ironischen Untertons, das Axiom bestätigt sich durch Absurdität.
Dieser Beitrag widmet sich einem sensiblen Sujet im Golfsport: Nein, gemeint sind keineswegs Klimawandel und Kostenkrise oder Distanzdebatte und Ballflugbeschränkungen. Sondern die Farbenlehre der Abschlags-Areale, die bunten Geschlechter- und Altersklischees zum Auftakt jeder Golfbahn. Und da ein ordentliches Plädoyer mit einem Plazet beginnt: Schluss mit dem Gedöns um die Gender-Tees. Weg mit dem vorsintflutlichen Gedankengut, das da lautet: Gelb für Herren, Rot für Damen.
Die Sichtweise des R&A
Selbst der R&A als „Lordsiegelbewahrer“ des Spiels rät längst zur Korrektur der Kolorierung aus der Klamottenkiste. „Auf jedem Loch sollte eine Auswahl an Abschlägen angeboten werden, damit die Spieler die Abschläge entsprechend ihren Fähigkeiten und/oder Schlagdistanzen verwenden können“, heißt es aus St. Andrews. „Das Spiel von Abschlägen, die zu den individuellen Fertigkeiten passen, verbessert das Spieltempo und erhöht den Spielspaß.“ Von Männlein und Weiblein, Senioren und Kids ist da nicht die Rede.
Doch um sich bei einem eher schrägen Werbespruch zu bedienen: Die Geschichte der Gender-Tees ist eine Geschichte voller Missverständnisse. „Ich finde es ziemlich absurd, dass mittlerweile jede gesellschaftliche Debatte direkt auf Golf übertragen wird“, ereiferte sich beispielsweise unlängst ein Mitspieler beim entsprechenden Stichwort. Als ob die Frage nach blauem oder gelben Abschlag etwas mit Diversität, LGBTQIA+ oder Gender-Sternchen zu tun hätte. Es geht ohnehin nicht um Golfer:innen oder gar um „Golfende“.
Die zeitgemäßen Stichworte lauten vielmehr Physis und Schlag-Fertigkeit. Was bei der Wahl des Abschlags zählt, sind Lust und Laune, Handicap und Tagesform, Entspanntheit oder Ehrgeiz. Vom Gender- zum Gusto-Tee sozusagen. Dazu passt, dass mit der Einführung des World Handicap System (WHS) für jede Platz-Distanz, also von jedem Tee, ein Kurs-Rating für Männer wie für Frauen und gleichsam für diverse Altersklassen möglich ist.
Nur weil die Bälle nicht beziehungsweise nicht mehr so weit fliegen, darf ein Erfolgserlebnis keineswegs buchstäblich in unerreichbare Ferne rücken. „Die Kunst beim Entwurf eines Platzes ist, jede Bahn für jeden spielbar zu machen, ganz gleich wie lang oder kurz der- oder diejenige ist“, betont Michael Blesch, der den Ryder Cup 2035 auf seine Green Eagle Golf Courses in Winsen (Luhe) holen will und dafür gerade ein neues Geläuf vorbereitet, den West Course. „Deswegen ist es State of the Art, vier bis sechs versetzte Abschläge zu arrangieren.“ Gestaffelt nach Länge und damit nach Schwierigkeitsgrad des Platzes. Derartige Variabilität ermöglicht eine flexible Gesamtdistanz von rund 20 Prozent Differenz zwischen maximaler und minimaler Längenvariante.
Parcours-Maße von über 6.000 Metern taugen allenfalls für Menschen, die 250 Meter schlagen können. Wer mit dem Eisen 5 allenfalls 140 oder 150 Meter schafft, ist mit einer solchen Gesamtplatzlänge völlig überfordert. Bei einem Durchschnitts-Drive von maximal 180 Metern reichen 5.000 Meter für 18 Löcher. Sowieso ist immer wieder zu hören, dass Clubmitglieder mit durchschnittlichem Handicap jenseits der 20 das eigene Geläuf vielfach eher als zu lang einschätzen.
Einen ergänzenden Beitrag zum Thema finden Sie ► HIER „Sind unsere Golfplätze zu kurz?“ aus dem golfmanager 6/2020.
Eine Faustformel …
… zur Ermittlung der passenden Tee-Box: Die durchschnittliche Distanz mit dem Eisen 5, multipliziert mit 36. Das Ergebnis zeigt die ideale Platzlänge für die eigene Spielstärke. Dafür braucht es bloß halbwegs exakte Messmöglichkeiten, beispielsweise mittels Toptracer oder TrackMan. Und – schwierig genug – den Willen zur realistischen Selbsteinschätzung. Aber nicht erschrecken: Der Schlag ist meist kürzer, als man glaubt und sich eingestehen mag.
Abgesehen vom Variantenreichtum eröffnen unterschiedliche Tees gleichermaßen einen unterschiedlichen Blick auf den Platz und die notwendige Strategie. „Selbst die European Tour spielt hier nicht alles von hinten“, betont Blesch, auf dessen Porsche Nord Course die Porsche European Open ausgetragen wird.
Rollenklischees am Abschlag
Die geschlechter-spezifische Konnotation von Gelb und Rot ist ein historischer Irrtum. Irgendwann hat sich das eingebürgert, weil man den Damen nun mal einen Vorsprung einräumen musste, als diese mit fliegenden Rockschößen ihre Putting-Enklaven verließen und gleiches (Spiel-)Recht für alle reklamierten. Bloß weil Rot so gut zu ihnen passt?
International findet sich diese Farbenlehre übrigens nirgendwo wieder, wenn Abschläge gestaffelt sind: Da ist Rot einfach nur der vorderste Abschlag. Und Blau das, was hierzulande Gelb ist. Und Schwarz ist für die Cracks, Grün und Weiß hingegen sind für die Älteren unter uns.
Das Geschlechter-Gewese erweist dem Spiel einen Bärendienst. Und die Rollenklischees sind in den Köpfen betoniert.
Eine Frau auf dem gelben Abschlag erntet halt mindestens hochgezogene Augenbrauen – wenigstens so lange, bis sie einen Drive erster Güte raushaut. Ein Sportkamerad wiederum, der in voller Akzeptanz seines golferischen Seniorenalters die blaue Teebox ansteuert, wird als „Weichei“ betitelt.
„Gerade im Herrengolf sind wir viel zu sehr auf Gelb fixiert“, bestätigt David Krause, ehemaliger Präsident des European Institute of Golf Course Architects (EIGCA). Sein englischer Kollege Jonathan Gaunt hat in einem Beitrag für das EIGCA geschrieben: „Geschlechter-neutrale Tees steigern die Attraktivität von Golf für ein breiteres Publikum und reduzieren die einschüchternde Wirkung des Spiels, vor allem auf Frauen und Nachwuchsgolfer.“ Das ist mittlerweile Common Sense bei Verbänden und Golfgemeinschaften, die sich dem „Grow the Game“ verschrieben haben.
Ein Blick ins golferische Ausland
Auf den britischen Inseln haben fortschritts-orientierte Clubs bereits „umgesteckt“ und sprechen nur von „Gender Free Tees“. Manche haben neue vordere Boxen eingerichtet und damit einen zusätzlichen Kurzplatz geschaffen. „Alle Mitglieder und auch Neueinsteiger sollen draußen bestmöglich zurechtkommen“, erläutert Gemma Hunt, die zehn Jahre bei England Golf den Bereich Handicaps und Course Rating gemanagt hat und mittlerweile in selber Funktion für den R&A tätig ist. „Dafür müssen keine neuen Bahnen oder Abschläge gebaut werden. Man nutzt lediglich optimal, was bereits vorhanden ist.“

In den USA veröffentlichen der Verband USGA – die andere gesetzgebende Golfinstanz – und die PGA of America in schöner Regelmäßigkeit unter dem Aufruf „Tee it forward“ Informationen, welche Platzmaße mit bestimmten Schlaglängen harmonieren. Unterstützung kommt selbst vom „Jahrhundertgolfer“ Jack Nicklaus. „Wir alle, die wir tief in das Spiel involviert sind, predigen ständig, von den richtigen, weil zur eigenen Spielstärke passenden Abschlägen zu spielen“, sagt der „Goldene Bär“. „Doch allzu oft muten sich Golfer viel zu viel Platz zu. Was am Ende leidet, sind ihre Scorekarte und die Freude am Golf.“
Freilich, es kursieren ab und an Nachrichten von Vereinsaustritten männlicher Mitglieder, die sich nun nicht mehr besonders berücksichtigt fühlen. So geschehen im australischen Club 13th Beach Golf Links, wo ein gewisser Lachlan Clarke den Verantwortlichen übertriebene „Wokeness“ vorwirft, das Bewusstsein für rassistische, sexistische oder soziale Diskriminierung. „Eigentlich finde ich es beleidigend für Frauen, biologische Geschlechter auszulöschen, wenn es in den professionellen Bereichen des Golfsports klare Unterschiede gibt“, begründete Clarke seinen Schritt. Für ihn, so die mediale Darstellung, gehörten Frauen auf den roten Abschlag, alles andere werde ihrem Geschlecht nicht gerecht. Da ist es wieder, das Macho-Mannsbild, das mit Brustgetrommel die Keule schwingt.
In Deutschland hat der Innovationsprozess ebenfalls eingesetzt. Gleichwohl gilt die Bemerkung eines norddeutschen Spielführers von der Sisyphus-Aufgabe, seinen Clubmitgliedern die neue Struktur mit jeweils fünf Teeboxen für alle Spielstärken nahezubringen: „Wir müssen weg vom Gender-Denken am Abschlag.“
Noch eine Faustformel …
… zur Ermittlung der passenden Tee-Box: Die Länge mit dem Driver sollte rund 50 Prozent einer Par-5-Bahn abdecken, bei Par-4-Löchern 60 bis 70 Prozent. Will heißen: Selbst für ein von Gelb „bloß“ 450 Meter langes Par 5 braucht es 220-Meter-Drives. Wer das nicht schafft, sollte es einen Abschlag weiter vorn versuchen. Da bleibt nach wie vor ein „Hieb“ von rund 200 Metern.
Echte Kerle spielen von Gelb?
Dabei ist das Thema letztlich reine Männersache. Echte Kerle spielen halt von Gelb. Also stiefeln die Herren der Schöpfung mit breiter Brust auf den Abschlag, „kraftmeiern“ die Murmel irgendwie auf oder neben die Bahn, erreichen irgendwann das Grün, mosern über das schwierige Geläuf und freuen sich allenfalls, dass der Ball unterwegs dauernd zu kurz ist, um in einem Fairway-Bunker zu landen – wie es im Spannungsverhältnis zwischen Landezonen und Hindernissen per Design für erratische Bälle eigentlich vorgesehen ist. So kann man Hindernisse auch aus dem Spiel nehmen.
Der Selbstbetrug führt zu kuriosen Konstellationen. Dem Autor sind im Norden zwei Golfanlagen bekannt, auf denen die originär und unübersehbar als „Blau“ eingestuften Abschläge mit gelben Tee-Markierungen versehen wurden, um der einen oder anderen Runde rüstiger Rentner einen kürzeren Kurs unterzuschieben und dadurch ein gutes Gefühl zu vermitteln. Wen schert schon Können. Oder die Palette der Platzlängen. Hauptsache, die Farbe passt zum Selbstwertgefühl.
Am besten wäre folglich, die Farb-Firmierungen einfach ganz wegzulassen. Klingt nach Spielverderber, bringt jedoch mehr Spaß am Spiel. „Tees können nach der Gesamtdistanz benannt werden, die sich durch ihre Nutzung ergibt“, rät der R&A. Für die besagte Rentnerrunde wären es somit 18 Mal „59“, gleichbedeutend mit einem Kurs von rund 5.900 Metern. Gelb wäre bei diesem Beispiel „65“, Rot wird zu „53“. Wahlweise lassen sich die Abschläge nach Handicap-Gruppen sortieren. Oder man nummeriert.
In jedem Fall aber wird von R&A und USGA „dringend empfohlen, dass der zuständige Verband den Golfclubs eine Anleitung gibt, wie sie jegliche Assoziation mit dem Geschlecht oder dem Alter vermeiden können“. Geklärt werden muss dann bloß noch, wie das künftig mit der „Lady“ und der Clubhausbar geregelt wird.
Autor: Michael F. Basche | golfmanager 2/2023
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