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Wachstum über alles?

Immer im Januar schaut Golf-Deutschland auf die Zahlen zur Entwicklung des Sports in Deutschland. Und gerade dieses Jahr wurden die Daten mit besonderer Spannung erwartet, startete 2015 doch die große Imagekampagne und war Golf mit dem Solheim Cup in Deutschland ausgezeichnet vertreten.

Das Gute vorweg


Nun ist es erst einmal gut, dass Golf im vergangenen Jahr, wenn auch auf sehr geringem Niveau, weiter gewachsen ist. Allzu verständlich also, dass der DGV dies in seiner Kommunikation gerne betont – und noch dazu darauf verweist, dass zahlreiche andere Sportarten in Deutschland einen Mitgliederschwund zu verzeichnen haben. Doch ein Blick in zahlreiche Kommentare, vor allem in diversen Internet-Blogs und -Foren, zeigt oftmals eine ganz andere Interpretation. Hier wird vielmehr die Frage gestellt, ob diese Zahlen angesichts der getätigten Investitionen in die Golfglück-Kampagne ausreichend seien.

Das Urteil fällt sehr widersprüchlich aus: Während der Verband (naturgemäß) vom Erfolg der Kampagne überzeugt ist, stimmen zahlreiche Internetforen und -Blogs deutlich kritischere Töne an. Und genau hier wird das Dilemma deutlich: Man hat im Vorfeld der Kampagne schlicht versäumt, klare und vor allem messbare Ziele festzulegen oder zumindest diese zu kommunizieren. Dabei sind Zielgrößen im Wirtschaftsleben einer der wesentlichen Faktoren, um den Erfolg von Maßnahmen anschließend bewerten zu können. Kein Restrukturierungsprogramm eines Unternehmens wird von der Unternehmensleitung und den Gesellschaftern abgenickt, bevor nicht die genauen Ziele vereinbart wurden. Und selbst beim Autofahren mit Navigationssystem weiß jeder: Ohne Eingabe eines genauen Ziels kann das System nicht auf dem geeigneten Weg zum Ziel führen. Doch genau hier liegt ein Schwachpunkt der bisherigen Kampagne. Nirgends wurde kommuniziert, wie viele Golfer in 2015 und den Folgejahren erreicht werden sollten. Denn: Vielleicht wäre alles ohne die DGV-Kampagne ja viel schlimmer gekommen und wir hätten in 2015 einen Rückgang des organisierten Golfsports erlebt.

Interpretationsspielraum ohne klare Ziele


Ohne diese Ziele sucht sich nun jeder genau das aus der Entwicklung heraus, was er oder sie gerne herauslesen möchte. Die Krux dabei: Mangels Zielen ist genau dieser Interpreta-tionsspielraum uneingeschränkt vorhanden. Dabei lassen sich aus den zur Verfügung stehenden Zahlen durchaus weitere, nicht minder interessante Erkenntnisse ablesen. Denn das geringe Wachstum ist die kumulierte Zahl aus Zu- und Abgängen. So wurden über 50.000 Neugolfer gewonnen – eine sehr beachtliche Größe! Aber: Warum gingen im neuen Jahr fast ebenso viele Clubmitglieder verloren? Hier sollte dringend weiter an den Ursachen geforscht und ein gezieltes Maßnahmenprogramm gemeinsam mit den Clubs erarbeitet werden. Denn jeder Marketing-Fan weiß, dass Kundenbindung heute wichtiger und vor allem günstiger ist als Kunden-Neugewinnung. Doch während die Akquisition durchaus vom Verband durch gemeinsame Initiativen unterstützt werden kann, liegt die Kundenbindung – oder besser gesagt das Verhindern von Austritten – vor allem in der Verantwortung der Clubs. Daher sollten gerade die Clubs ein veritables Interesse haben, hier Ursachenforschung zu betreiben. Erste Erkenntnisse wurden bereits in der Imageanalyse des DGV präsentiert. Diese gilt es nun kontinuierlich fortzuführen.

Detaillierte Betrachtung der Zielgruppen


Auch sollte man sich den Zielgruppen des Golfsports nochmals zuwenden: Die Generation 50+ verfügt meist über mehr Freizeit als Menschen in den 20er oder 30er Jahren, die gerade ihre Familie oder Karriere aufbauen. Und auch der Geldfaktor spricht in Bezug auf Clubmitgliedschaften eher für die „Best Ager“. Vielleicht brauchen die jüngeren Golfer einfach andere Modelle bei den Mitgliedschaften als ihre älteren Clubkollegen – immerhin wächst die VcG noch mehr als doppelt so viel wie die Gesamtbranche, wenn auch ebenfalls auf eher niedrigem Niveau.

Nicht nur die Verbände sind gefordert

Fragen gibt es also in Zukunft genug – Antworten darauf kann jedoch nicht der DGV alleine geben, sondern nur in Zusammenarbeit mit den Clubs als ausführende Sportstätte vor Ort. Und damit die Diskussionen über Erfolg oder Misserfolg eingeleiteter Maßnahmen nach gleichen Kriterien erfolgen, wäre es wünschenswert, wenn für die Zukunft vorab messbare Ziele kommuniziert würden. Denn bereits bei der Zielformulierung drängt sich eine Frage in den Vordergrund: Was ist im heutigen gesellschaftlichen Umfeld realistisch und realisierbar? Ist organisiertes Golf tatsächlich ein Wachstumsmarkt oder haben die Erfolge der VcG oder neuer Mitgliedsmodelle einiger Clubs nicht längst gezeigt, dass auch Golf – wie beispielsweise auch der Fitness- oder Radsportmarkt – nicht mehr nur im Verein am schönsten ist?

Kanalisierung der verschiedenen Interessen


Für den DGV bedeutet dies in Zukunft einen spannenden Spagat zwischen den Aufgaben als Verband der Golfanlagen einerseits, aber auch der Golfspieler andererseits. Denn genau sie haben bisher im Verband keine Stimme, leisten aber über ihre Jahresbeiträge einen nicht unerheblichen Beitrag zur wirtschaftlichen Stabilität. Golf in Deutschland befindet sich im Brennpunkt vielfältiger Interessen: Anlagenbetreiber, Clubs, Golfer, Industrie – sie alle haben große Erwartungen an einen zugegeben großen Sport. Diese vielfältigen Interessen zu erkennen, zu analysieren und letztlich auch möglichst zu harmonisieren wird den DGV in den kommenden Jahren vor zahlreiche Herausforderungen stellen. Doch genau in diesen Zeiten ist der DGV als „Leitwolf“ gefragt – das olympische Motto vom „Dabeisein ist alles“ reicht nicht aus. Gefragt ist aktives Handeln und eine noch stärkere Kommunikation innerhalb der Branche, aber auch gegenüber der Öffentlichkeit.

Autor: Michael Althoff

Foto: © www.colourbox.de
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