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Golf wieder olympisch!

Stefan Blöcher zählt zu den erfolgreichsten deutschen Sportlern. In seiner aktiven Zeit war er einer der besten Hockeyspieler weltweit, sein Spitzname lautete „der weiße Pakistani“. In dieser Zeit hat er mit der deutschen Hockey-Nationalmannschaft zweimal an den Olympischen Spielen teilgenommen. Mit seiner Stefan Blöcher Sport & Event Agentur, Kitzbühel, ist er heute in der europäischen Golfszene eine seit langem etablierte Größe. Zusätzlich engagiert er sich als Botschafter der Non-Profit-Organisation Laureus – Sport for Good Foundation für soziale Zwecke.

 

? Herr Blöcher, an wie vielen olympischen Spielen haben Sie teilgenommen, wie sieht Ihre persönliche Bilanz aus?

 

! Olympia begann für mich leider mit einer Enttäuschung: 1980 wären wir Favorit auf die Golfmedaille gewesen, doch aufgrund des politisch motivierten Olympiaboykotts der Spiele in Moskau wurde nichts daraus. Ich hatte jedoch 1984 und 1988 das große Glück, noch zweimal bei diesem unglaublichen Ereignis als Sportler mit dabei zu sein. Mein größter Erfolg war dabei der Gewinn der Silbermedaille 1984 in Los Angeles, die sich für uns damals wie eine Goldmedaille anfühlte. Vier Jahre später in Seoul 1988 war die Silbermedaille jedoch meine größte Enttäuschung, denn hier waren wir Goldfavorit, konnten unsere Leistung aber im Finale nicht abrufen. Auch nach meiner aktiven Zeit habe ich noch weitere Olympische Spiele besucht, zuletzt 2012 in London. Wer einmal vom olympischen Fieber angesteckt wurde, den lässt es nicht mehr los!

 

? Worin liegt der Reiz von Olympia ?

 

! Bei Olympia treffen über 15.000 der besten Sportler weltweit zusammen, und das an einem Punkt, dem Olympischen Dorf. Bis heute ist Olympia tatsächlich für zwei bis drei Wochen der Treffpunkt der ganzen Welt. Für die Teilnehmer geht es in dieser Zeit einzig um ihren Sport und den Sport insgesamt. 24 Stunden am Tag gibt es Trainingsmöglichkeiten, Verpflegung und Unterhaltungsangebote – und noch dazu die Chance, die Besten der Welt aus anderen Sportarten einmal persönlich kennenzulernen. Noch heute erinnere ich mich daran, wie ich im Olympischen Dorf einst Carl Lewis zum ersten Mal begegnet bin. Bei keinem anderen Event treffen so viele Top-Athleten auf engstem Raum zusammen.

 

? Gilt dies auch für Einzelsportler?

 

! Selbst ein Boris Becker zehrt noch heute von seinen Erlebnissen bei Olympia! Olympia ist ein bisschen wie Ryder Cup: Man spielt nicht für sich selbst, sondern repräsentiert sein Land. Das ist etwas ganz Besonderes – und für europäische Golfer gibt es eine solche Chance kaum ein zweites Mal. Ich kann daher jedem Golfer nur empfehlen: Wohnt im Olympischen Dorf, geht zur Eröffnungsfeier und saugt das emotionale Großereignis Olympia mit allen Sinnen in euch auf.

 

? Die beiden olympischen Golfturniere werden, wie die meisten Golfturniere weltweit, als Einzel-Zählspiel ausgetragen. Wie bewerten Sie dieses Format?

 

! Offen gestanden sehe ich diesen Modus eher kritisch. Man hätte die Attraktivität, auch für die Zuschauer, durch ein anderes Format sicherlich erhöhen können. Aus meiner Sicht wäre ein Matchplay oder noch besser ein Team-Wettbewerb besser und vor allem attraktiver gewesen. Auch den Qualifikationsmodus für das Turnier sollte man nochmals hinterfragen. Schließlich sorgt der aktuelle Modus dafür, dass Deutschlands bester Golfer, Bernhard Langer, gar nicht antreten darf. Ich hätte es spannender gefunden, wenn die Qualifikation pro Land beispielsweise in einem separaten Qualifikationsturnier ausgetragen worden wäre. Daran hätten dann nicht nur die Profis verschiedener Touren, sondern auch Amateure teilnehmen können – man schaue nur einmal auf die Vorausscheidungen in der US-Leichtathletik: Hier zählen keine früheren Titel oder Rekorde, einzig das Ergebnis am Tag des Qualifikationswettbewerbs entscheidet über die Olympia-Teilnahme. Und wenn dann ein Amateur sich bei einem solchen Turnier gegen die Profis durchsetzt, sollte er sein Land auch bei Olympia vertreten. Außerdem hätte man durch ein solches Turnier, das natürlich in Deutschland ausgetragen werden muss, zusätzlich Werbung für den Golfsport insgesamt und Golf bei Olympia im Besonderen machen können. In der jetzigen Form präsentiert sich Golf bei Olympia als reine Einzelsportart – einen Spirit wie beim Ryder Cup oder Solheim Cup werden wir daher weder unter den Spielern, noch bei den Zuschauern erleben, fürchte ich.

 

? Können Sie die Absage von Top-Profis wie Adam Scott nachvollziehen?

 

! Offen gestanden nein – und für eine so golfbegeisterte Nation wie Australien finde ich es eine kleine Katastrophe. Aber es zeigt die Problematik des Einzelwettbewerbs gnadenlos auf: Den Spielern fehlt der Teamgedanke, die Begeisterung, für ihr Land anzutreten. Ich glaube aber, eines Tages wird er diese Entscheidung bereuen. Und wer weiß, ob er sich in vier Jahren erneut qualifizieren kann.

 

? Sehen Sie für Golf bei Olympia langfristig eine Zukunft und wovon hängt diese ab?

 

! Ganz entscheidend ist das Spielformat, denn dadurch wird viel Einfluss auf die Einstellung der Spieler, aber auch die Attraktivität für die Zuschauer genommen. Wenn das derzeitige Format beibehalten wird, bin ich hinsichtlich einer Zukunft bei Olympia leider skeptisch. Gelingt jedoch ein Wechsel hin zu einem Format, das dem olympischen Geist mehr entspricht, kann ich mir einen dauerhaften Verbleib von Golf im olympischen Programm absolut vorstellen.

 

? Wird Golf insgesamt durch Olympia und die Berichterstattung, vor allem im Fernsehen, von den Olympischen Spielen profitieren?

 

! Wir sollten hier keine großen Erwartungen haben. Olympische Spiele bedeuten auch eine sehr komprimierte Berichterstattung über die zahlreichen parallel stattfindenden Events. Da wird es für Golf schwer, an die Oberfläche zu dringen. Wahrscheinlich wird über Golf, wenn überhaupt, nur in einem Online-Stream oder Spartenkanal berichtet, die Big Points gehen an etablierte Sportarten wie zum Beispiel Leichtathletik. Ich kann mir eher vorstellen, dass aktive Golfer sich auch für das olympische Golfturnier interessieren. Etwas anderes wäre es natürlich, wenn es einem der deutschen Spieler oder einer Spielerin gelingen würde, die Goldmedaille zu holen.Dann wäre Golf sicherlich auch in der Prime Time und den Nachrichten ganz vorne mit dabei!

 

? Wie können Clubs das Thema „Golf bei Olympia“ für sich nutzen?

 

! Hier hätte man das Thema sicherlich intensiver anfassen können. In Deutschland gibt es sehr viele erfolgreiche Ex-Olympiateilnehmer, die heute mit viel Freude Golf spielen. Mein Vorschlag war, einen DGV Olympia Day zu organisieren, in dem man den potenziellen Teilnehmern, aber auch den Clubs im Golf-Leistungssport einmal vor Augen führt, was eine Olympia-Teilnahme für eine Sportlerlaufbahn bedeutet und welche Auswirkungen sie haben kann. Dies hätte auch die Initialzündung sein können, um das Thema Olympia anschließend noch intensiver in die Clubs zu tragen. Den Clubs kommt die Aufgabe zu, die Awareness zu Golf bei Olympia zu steigern. Hier fehlt mir noch die Begeisterung, es geht kein Ruck durch Golf-Deutschland – ich habe eher den Eindruck, viele Golfer nehmen das Turnier als eines unter vielen im aktuellen Tourkalender wahr.

 

? Liegt das vielleicht auch an einer fehlenden Bindung zwischen den Top-Profis und den Clubs in Deutschland?

 

! Das ist sicherlich ein wichtiger Faktor. Unsere deutschen Top-Golfer sind in Deutschland nicht mehr greifbar, sie finden fast nur noch im Ausland statt. Für mich ist es unvorstellbar, dass nicht alle deutschen Top-Golfer bei den wenigen Turnieren, die wir überhaupt in Deutschland haben, antreten. Ich appelliere immer wieder an unsere Profis, dass sie die Bindung an ihre Wurzeln nicht verlieren sollen. Denn nur dadurch gelingt es meines Erachtens, eine Identifikation zu den Fans zu schaffen und den olympischen Funken auch im Golfsport zünden zu lassen.

 

? Kann Olympia auch Impulse für den deutschen Amateur-Golfleistungssport geben?

 

! Solange der aktuelle Qualifikationsmodus beibehalten wird, sehe ich hier allenfalls Motivationsmöglichkeiten: Top-Amateure können eine persönliche Motivation ableiten, selbst einmal bei Olympia antreten zu dürfen. Vor allem für junge Spieler kann dies ein toller Schub sein. Allerdings sollte generell das Amateur-Statut im Golf nochmals überdacht werden. Kaum eine andere Sportart trennt noch so stark zwischen Profis und Amateuren wie Golf. Warum sollen beispielsweise junge und erfolgreiche Amateurspieler, die ihren Verein in Mannschaftswettspielen vertreten, nicht durch Prämien oder andere Benefits belohnt werden? In allen kommerziell erfolgreichen Sportarten ist dies mittlerweile gängige Praxis. Wenn wir aber den olympischen Gedanken insgesamt auch auf die Top-Amateure weltweit übertragen wollen, braucht das olympische Golfturnier einen anderen, offenen Qualifikationsmodus. Ich glaube nicht, dass es dieses Jahr auch nur ein einziger Amateur zum Golfturnier nach Rio schaffen wird.

 

? Sie kennen den olympischen Golfplatz persönlich. Wie ist Ihr Eindruck, welcher Spielertyp wird mit dem Platz am besten zurechtkommen?

 

! Ich habe das Gelände des Platzes 2014 besucht. Wir sollten bedenken, dass Golf in Brasilien keine besondere Tradition und einen eher geringen Stellenwert hat. Daher war ich von dem Platz sehr positiv überrascht, er ist eines solchen Events absolut würdig. Für brasilianische Verhältnisse ist der Platz sehr gut gelungen. Persönlich würde ich ihn als anspruchsvoll, aber fair beschreiben. Als eine der ersten Golferinnen hat übrigens Miriam Nagl den Platz gespielt – und dabei gleich die beste Runde erzielt. Allerdings tritt sie bei Olympia ja nicht für Deutschland an, sondern für Brasilien. Vom Spielertyp kommt der Platz meines Erachtens intelligenten Golfern sehr entgegen. Länge alleine reicht hier nicht, man muss den Ball extrem kontrollieren können. Das gute alte Hit and Hope wird hier nicht zum Erfolg führen. Mein persönlicher Favorit bei den Herren ist daher eindeutig Rory McIlroy.

 

? Welche Chancen sehen Sie für die deutschen Starter bei den Männern und Damen?

 

! Die besten Medaillenchancen hat meiner Meinung nach Martin Kaymer – wenn er für sich die Motivation einer olympischen Medaille verinnerlicht und, wie bei seinen Auftritten im Ryder Cup, in ein erfolgreiches Spiel umsetzt. Für den Rest unserer Teilnehmer wäre eine Medaille eine schöne, positive Überraschung.

 

? Was bedeutet ein Olympiasieg für einen Golfprofi, beispielsweise im Vergleich zu einem Sieg bei einem Major?

 

! Schauen wir doch einmal auf andere Sportarten: Steffi Grafs Golden Slam ist bis heute unerreicht und legendär. Und auch Novak Djokovic, der zur Zeit unbestritten beste Tennisspieler der Welt, und sein Trainer Boris Becker arbeiten dieses Jahr hart daran, diesen Golden Slam zu schaffen. Ich glaube, dass ein Olympiasieg auch für Golfer einen sehr hohen Stellenwert hat, vergleichbar mit einem Sieg bei einem Major. Während die Majors aber jedes Jahr ausgetragen werden, bietet sich die Chance auf einen Olympiasieg nur alle vier Jahre – alleine das macht ihn zu etwas ganz besonderem!

 

Herr Blöcher, wir danken Ihnen sehr herzlich für dieses Gespräch und drücken den deutschen Olympioniken in Brasilien die Daumen!

 

Autor: Michael Althoff

 

Stefan Blöcher blieb auch nach seiner Aktiven-Laufbahn dem Sport treu – u.a. als Laureus World Sports Ambassador.
Zwei Spitzen-Ballsportler: Stefan Blöcher und Bernhard Langer
Bilder aus der Aktivenzeit: „der weiße Pakistani“ Stefan Blöcher (rechts), ...
… einer der erfolgreichsten deutschen Sportler (vorne rechts im Bild).
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